Wie mein Auslandsaufenthalt mich bereits verändert hat

Seit fast einem Jahr lebe ich jetzt schon in Ecuador, arbeite teilweise mit Kindern, lebe mit Personen, die mir früher fremd waren, spreche täglich eine Sprache, die nicht die meine ist, probiere neue Dinge aus und mehr. Veränderung kommt meistens schleichend. In den ersten Wochen hier war sie jedoch stark spürbar und ich hatte das Gefühl, als Reaktion darauf im Schnelldurchlauf eine Persönlichkeitsänderung durchzumachen, die sehr ins Extrovertierte ging. Mittlerweile hat sich das wieder eingependelt. Und trotzdem bin ich nicht mehr die gleiche Person. Während des gesamten Lebens entwickelt man sich weiter und gewinnt an Erfahrungen dazu und dennoch bin ich mir zu 100% sicher, dass diese Monate hier mich mehr geprägt haben, als sie es zuhause während z.B. eines Studiums hätten tun können. Ich habe schon immer viel nachgedacht und mich selbst reflektiert. Auch in Deutschland, würde ich behaupten, kannte ich mich selbst sehr gut. Und deshalb bemerke ich jetzt umso stärker, wie in einem fremden Umfeld neue Seiten an mir hervorkommen. Und ich bin ehrlich: Die meisten von ihnen gefallen mir…

Gelassenheit/ Ressilienz

Während meiner Zeit hier bin ich immer und immer wieder auf neue Situationen, fremde Menschen und ein „Normal“ gestoßen, was für mich aus meiner Perspektive nicht das Normal ist. Das hat einige Prozesse in mir extrem beschleunigt. Z.B. ist mein Selbstbewusstsein gestiegen. Ich kenne mich gut und ruhe in mir, deshalb kann ich sehr offen auf alles Neue zugehen und mich darauf einlassen. Generell bin ich offener in Gesprächen, sag öfter „ja“ anstatt aus der Angst aufzufallen abzulehnen. Ich gewöhne mich viel schneller an äußere Umstände – seien es (in meiner Sicht) übertriebenen Putz- und Aufräumregeln, andere Art und Weisen, mit Problemen umzugehen oder auch niedrigere Lebensstandards ohne z.B. Leitungswasser (im Extremfall). Denn es lässt sich feststellen: Irgendwie geht es immer und nur weil etwas erst unbequemer oder schlicht weg anders als gewohnt ist, ist es nicht unbedingt schlechter. Wenn es sein muss, kann ich auch drei Mal die Woche putzen oder bei Besuchen von Freund*innen mit einem Eimer Regenwasser die Spülung bedienen. It‘s not that big. Ich würde schon sagen, dass ich dadurch gelassener bin. Irgendwie laufen die Dinge schon und ich mache mir weniger einen Kopf wegen kleiner Sachen, aber auch ggü. großen wie z.B. Zukunftsängsten. Auf der anderen Seite nehmen mich auch wirkliche Probleme und Krisen weniger stark mit – ich bin resilienter geworden.

PRIVILEGIEN/ Politisierung

Mein Leben hier hat mir die Privilegien, die ich genieße, noch einmal viel eindrücklicher vor Augen geführt. Nur weil ich das Glück hatte in Deutschland geboren zu sein stehen mir so viele Türen offen. Ich habe Eltern, die mir sehr gute Bildung finanzieren können, ich habe schon viele Länder mit nur 19 Jahren sehen dürfen, ich war in einem Schulsystem, das zwar nicht perfekt ist, mir aber Grundwissen und kritisches Denken beigebracht hat, ich habe endlose Möglichkeiten, was meine Zukunft angeht, eine Staatsbürgerschaft, die mir garantiert Sozialleistungen beanspruchen zu können, Krankenversicherung, einen recht hohen Mindestlohn im eigenen Land etc. etc.

Wir nehmen zu viel als selbstverständlich und hinterfragen nicht, warum wir eigentlich davon ausgehen, dass es uns zusteht. Was unterscheidet uns von denen, die dieses Glück nicht teilen?

Während ich Ecuador für eine Zeitspanne von bis zu 3 Monaten jederzeit wieder besuchen könnte, ohne auch nur ein Visa beantragen zu müssen, muss ich meinen Freund*innen erklären, was sie alles für ein Touristenvisa bräuchten (Einladungsschreiben, Vermögensnachweis, bereits reservierte Flugtickets etc. etc), um mich in Europa besuchen zu können.

Während ich als weiße Person in den Medien ständig repräsentiert werde und hier in Ecuador als „gringa“ zwar auffalle und anders behandelt werde, würde sich (vor allem bei dem derzeitigem Rechtsruck) bei meinen Freund*innen in Deutschland die Andersartigkeit schnell mit Feindseligkeit/ Skepsis paaren. Ich hingegen werde nie Rassismus erfahren.

Ich kann in dieses Land hier einreisen für einen Freiwilligendienst, den zum Großteil mein Staat übernimmt und muss noch nicht einmal eine der ursprünglichen Sprachen der Region wie Kichwa lernen, da ja eh alle das mit dem Deutschen verwandten und für mich einfach zu lernende Spanisch sprechen. Wie praktisch. Also für mich. Aber dahinter steht natürlich die grausame Geschichte von Kolonialisierung, Unterwerfung und Ausbeutung. Ausbeutung, die bis heute anhält – z.B. durch Großkonzerne, die den Geldmangel von Regierungen ausnutzen, um viel zu billig Grundstücke, Bohrrechte etc. zu kaufen und die die Heimat und Lebensgrundlage von Menschen zerstören, die diesem Deal nie zugestimmt haben.

Neben Rassismus und Kolonialismus habe ich mich aber auch durch Lektüre und (zugegebenermaßen) Social Media noch mehr mit Feminismus, Queerness und generell Machtstrukturen/ Diskriminierungsformen beschäftigt. Man könnte sagen: ich habe mich weiter politisiert. Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten fallen mir viel deutlicher auf, ich verfolge das politische Geschehen in Deutschland weiterhin und hinterfrage meine eigene Sozialisierung. Ich baue eigene, unbewusste Vorurteile ab und schaue mir verschiedenste Perspektiven an. Ich bilde mich weiter. Und das bereichert mich sehr.

Eigenständigkeit

Das erste Mal befinde ich mich nach Schule dauerhaft in einer Art Arbeitsumfeld. Auch das hat mich viel gelehrt: Ich spreche Probleme jetzt eher an, suche mir Hilfe, wenn ich sie brauche und habe mehr Eigeninitiative. Ich verwalte mein Geld und meine Ausgaben komplett selber, werde von Fremden mittlerweile immer als Erwachsene gelesen (und schon ein paar Mal gefragt, ob ich die Mutter meiner Mit-Freiwilligen bin?!) und genieße meine Freiheit sehr. Da meine Einsatzstelle gleichzeitig mein Wohnort ist, gibt es doch ein paar Regeln und Aufgaben, die mich manchmal einschränken, aber so generell kann ich in meiner Freizeit tun und lassen was ich will. Eher eigenständig und verantwortungsvoll war ich schon immer, aber endlich habe ich auch wirklich den Spielraum/ die Macht über mein Leben und kann dies auch ausleben. Ich liebe es.

Der Innere Kern

Im Ausland zu leben ist wie eine Probe: Welche Charaktereigenschaften, welche Gewohnheiten, welche Beziehungen usw. bleiben auch bei komplett verändertem Umfeld bestehen? Was ist mein Kern? Was ist mir wichtig? Welche Menschen bleiben mir auch in der Ferne nahe, bei welchen will ich wieder mehr Kontakt suchen, wenn ich zurück komme und bei welchen tut mir der Abstand gut?

Während des letzten Jahres habe ich sehr viel mehr über meine Bedürfnisse, Grenzen und Macken gelernt. Das hat mir auch extrem bei meiner Zukunftsplanung geholfen: Vieles ist mir immer noch unklar, aber ich weiß, welche Seiten an mir selbst mich in allen Lebenslagen begleiten werden und welche Menschen ich dabei gern an meiner Seite behalten will. Ich habe meine Resilienz in wirklich schweren Phasen bestärkt bekommen, ich merke, wie manche Leidenschaften nicht abklingen, auch wenn ich ihnen teilweise sehr lange nicht nachgegangen bin und ich weiß, bei wem ich zu jeder Uhrzeit anrufen kann, aber auch mit wem ich vielleicht keinen ständigen Austausch brauche, um mich auf die Person verlassen zu können.

Es ist irgendwie Paradox: Obwohl ich mich immer wieder selbst überrasche und Neues an mir entdecke, kenne ich mich immer besser. Und ich mag den Großteil an mir, den Rest kann ich akzeptieren.

im hier & Jetzt, Neues Probieren

Hier in Ecuador lasse ich mich viel mehr treiben, lebe mehr im Tag und spontaner. Das hat einerseits mit der Kultur zu tun, die mich hier umgibt, andererseits aber auch mit dem Fakt, das ich sehr weit weg von Zuhause, also meinen alten Gewohnheiten und Verpflichtungen bin. Bis auf meine Arbeit war ich hier bei meiner Ankunft so wunderbar frei – und das in vielen Sinnen. Einerseits hatte ich die Zeit, Neues zu versuchen, andererseits kannte mich hier vorher auch niemand, das heißt ich konnte ganz andere Versionen von mir selbst ausprobieren. Wer sagt denn überhaupt, dass ich zurückhaltend bin? Vielleicht ist das nur ein Muster, was ich über die Jahre in meinem alten Umfeld nicht gut ablegen konnte. Vielleicht mag ich Partys ja doch? Und wenn nicht, auch nicht schlimm. Auf einmal habe ich ganz andere Dinge ausprobiert, viel spontan mit Fremden unternommen und mehr und mehr Seiten an mir selbst entdeckt. Da niemand eine veraltete Version von mir kannte konnte ich einfach die Version leben, die sich genau jetzt nach mir anfühlt. Und das war sehr befreiend und spannend.

Körpergefühl

Eine weitere Veränderung: Ich fühle mich absolut wohl in meinem Körper. Ich glaube das hat viele Gründe…

1. bin ich in Ecuador genau in der Durchschnittsgröße und kann zum ersten Mal in meinem Leben fast allen Menschen entspannt in die Augen sehen ohne ständig nach oben gucken zu müssen.

2. Arbeite ich teilweise doch recht körperlich, köpfe Pflanzen und kleine Bäumchen mit Machete, schleppe Erde, wander die ganzen Hügel hier rauf und runter etc. etc. Die Arbeit an der frischen Luft tut mir gut, ich bin stärker geworden, habe fast nie mehr Rückenschmerzen und fühle mich gesund. Und ich schlafe genug, auch das tut mir so gut.

3. Ich glaube ich hatte es schon einmal in einem Artikel erwähnt, aber das Schönheitsideal liegt in Ecuador mehr bei Kurven und weniger bei schlank. Demzufolge tragen viele Frauen mit den unterschiedlichsten Körpern öfter enge und figurbetonte Kleidung. Immer wieder sehe ich selbstbewusste, schöne Frauen, die zu dick für das westliche Schönheitsideal sind. Es ist normal für mein Auge geworden – und auch ich fühle mich als würde ich ganz natürlich dazu passen.

4. Jetzt, wo ich noch viel mehr Seiten von mir ausleben kann, mag ich mich selbst noch mehr. Mein Äußeres, was für mich noch nie das Wichtigste war, wird damit noch unbedeutender.

5. Ich weiß gar nicht wie ich das beschreiben soll, aber ich habe überhaupt jetzt erst ein stärkeres Körpergefühl entwickelt. Vielleicht war es durch die Krankheiten/ Parasiten oder dadurch, dass ich weniger Stress habe, aber ich habe das Gefühl, meinen Körper jetzt erst richtig wahrzunehmen und so auch viel besser zu wissen, was er gerade braucht.

Sprache

Auch meine Sprache hat sich verändert. Mittlerweile bin ich im Spanischen so sicher, dass ich mich deutlich wohler mit der Sprache fühle als mit Englisch. Mein Englisch hingegen ist richtig schlecht geworden, weil ich kaum noch jemanden höre, der gut spricht. Das ist schade, lässt sich aber in Zukunft sicherlich ändern. Spanisch so gut zu sprechen hat auf jeden Fall meinem Selbstwertgefühl geholfen und mich motiviert in Zukunft vllt noch mehr Sprachen zu lernen. Das Einzige, was ich leider immer noch nicht kann, ist das Zungen-R. Das finde ich schon etwas beschämend, aber man versteht mich trotzdem.

Ansonsten nutze ich in meinem Alltag (wenn ich Deutsch rede) A. Viele Anglizismen/ mehr Jugendsprache als früher (weil ich Deutsch fast nur noch mit Gleichaltrigen spreche), B. Mehr Flüche (ich habe mich zu sehr daran gewöhnt, dass mein Umfeld kein Deutsch kann und sie sowieso nicht versteht… Das wird erst einmal eine Umstellung bei der Rückkehr) und C. Sehr viele Spanische Einschübe. Ein „Vamos!“ verstehen die meisten vielleicht noch, aber von Freund*innen ernte ich immer mal wieder Verwirrung, wenn ich dachte ich rede normal Deutsch mit ihnen. Manche Wörter fühlen sich für mich auf Spanisch einfach natürlicher an und/ oder sind kürzer. Dann entstehen Sätze wie „Entonces gehen wir? – Más luego…“, „Gib mal das agua“ oder die ständige Nachfrage „¿Qué?” oder „¡Mande!“, wenn ich was nicht verstanden habe…

Man könnte sagen mein Deutsch ist schlechter geworden – oder vielfältiger. Auch Sprache ist Einflüssen ausgesetzt und wandelt sich. Aber all die Änderungen haben nichts an meiner Liebe zu Worten geändert, im Gegenteil: Ich habe eine viel größere Wertschätzung gegenüber Sprachen entwickelt und mir ist noch einmal viel bewusster geworden, wie sich eine Muttersprache anfühlt, eine Sprache, in der man seine Gedanken und Gefühle nicht nur vereinfacht, sondern in all ihrer Komplexität ausdrücken kann…

Fazit

Insgesamt bin ich offener, sozialer, selbstbewusster, weiser, resilienter, noch reflektierter, verrückter, entspannter und ja – auch glücklicher als zuvor. Aber ich frage mich auch: Ist es mein Umfeld hier, was diese Seiten hervorbringt? Und wie wird sich das alles entwickeln, wenn ich wieder in Deutschland bin, in meinem alten Umfeld und mit all dem Stress eines neuen vollen Alltags? Werde ich mich wieder zurückziehen? Das werde ich wohl herausfinden müssen…