FAQ – Eure Fragen, meine Antworten

In letzter Zeit habe ich immer einmal herumgefragt, ob ihr noch Fragen zu Ecuador und meinen Freiwilligendienst hier habt… Ich habe mal gesammelt und hier sind die Antworten 🙂

Eure Fragen

Was können wir uns aus Ecuador abgucken?

Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, da sie recht subjektiv ist. Mein Eindruck von der ecuadorianischen Gesellschaft ist, dass sie tendenziell spontaner und gastfreundlicher als die deutsche ist. Ich erlebe häufiger ein Miteinander als ein Co-Existieren, wenn es z.B. um Nachbarschaften oder Großverwandtschaft geht. Dass können wir uns gerne abschauen.

Ansonsten finde ich, sollten wir auch in Deutschland einführen, dass die Busse einen überall auf der Strecke rauslassen, das öffentliche Gesundheitssystem könnte auch in Deutschland grundsätzlich kostenfrei sein (egal ob du deutsche Staatsbürgerschaft hast oder nicht) und Moto-Taxis, also Motorradfahrer*innen, die dich für ein bisschen Geld mitnehmen, sind auch sehr praktisch.

Wie hat dich dein Freiwilligendienst verändert?

Ich würde sagen ich bin offener, spontaner und selbstbewusster geworden. Ich habe ganz andere Seiten an mir kennengelernt und viel Neues ausprobiert… Zur Zeit schreibe ich auch an einem ausführlicheren Artikel über das Thema, bald kommt also die lange Antwort 🙂

Was hast du in Ecuador gelernt, was deiner Meinung nach jeder Mensch erleben oder begreifen sollte?

Ich glaube das ist vor allem Einsicht und Dankbarkeit für die eigenen Privilegien. Ich glaube, die Welt könnte eine bessere sein, wenn alle Menschen diesbezüglich mehr sensibel wären.

Welches typische Gericht ist dein Liebstes?

Einiges an ecuadorianischen Gerichten ist leider mit Fleisch oder Fisch, aber ich mag Locro de Papa sehr gerne. Das ist so eine Art Kartoffelsuppe mit Käse, die mit Avocado serviert wird…

Wie fühlst du dich als Frau beim Reisen im Land?

Auf meinen Reisen habe ich mich fast immer sicher gefühlt. Wenn man weiß, welche Regionen man besser meidet ist Ecuador sicherer als viele denken mögen. Gerade in Tena fühle ich mich auch nachts allein sicher, jedenfalls nicht unsicherer als in Deutschland. Auf meinen meisten Reisen war ich fast nie allein unterwegs, sondern entweder mit anderen Freiwilligen oder Freund*innen von hier. Deshalb hatte ich die Erfahrung allein zu reisen eher seltener.

Generell kann ich zu dem Thema sagen: Ich werde in Ecuador deutlich häufiger angequatscht, als ich es von Deutschland kenne. Als weiße Frau gelte ich als „gringa“ (eine Art lokales Wort für Ausländerin/ Weiße) und werde häufig als Touristin gelesen. In den Gesprächen, fast immer von Männern angefangen, geht es dann um die typischen Fragen: Spreche ich Spanisch? Wie lange bin ich schon in Ecuador? Was mache ich hier? Wie gefällt mir das Land? Wie alt bin ich? Usw… Oft ist es pures Interesse ohne andere Absichten, manchmal fühle ich mich dabei unwohl. Bei mir ist es nie übergriffig geworden, aber ich weiß von Freundinnen, dass sie auch schon schnell von (sehr viel älteren) Männern nach ihrem Facebook, der Handy Nummer oder einem Treffen ausgefragt wurden. Meine Gefühle zu den Gesprächen sind gemischt, manchmal will ich einfach in Ruhe gelassen werden und finde manche Männer eher belästigend, manchmal entstehen voll die netten Gespräche. Abgesehen davon kann ich sagen, dass die meisten Menschen hier aber total nett sind und einem weiterhelfen wenn man eine Auskunft braucht, ein Taxi heran winken will oder sich verlaufen hat. Wirklich unsicher oder bedroht fühle ich mich deshalb nie, maximal angenervt oder in einem unangenehmen Gespräch gefangen.

Unsicher fühle ich mich bisher nur in Quito, vor allem, weil mir immer und immer wieder von den Locals gesagt wird, dass ich da aufpassen muss. Hierbei geht es tatsächlich mehr um Diebstahl und Raub, die gleichen Warnungen bekommen auch die Männer. Bis auf einen Taschendiebstahl in der Menschenmenge ist mir aber zum Glück noch nie etwas passiert. Generell kann ich Ecuador sehr zum Reisen empfehlen 🙂

Hast du lokale Märchen/ Sagen/ Geschichten aufgeschnappt?

Ja, ab und zu. Wenngleich auch eher so kurze Geschichten. Eine ist über einen Vogel hier, der „nictibio“ heißt und nur bei Vollmond nachts ruft (heult?). Der Klang ist schon etwas gespenstig. Die Sage besagt, dass es einmal ein junges Liebespaar aus zwei verschiedenen Comunidades gab. Da ihre Verbindung geheim war, beschlossen sie durchzubrennen. Der Schamane erfuhr davon, wurde wütend und verwandelte den Mann in einen Vogel und die Frau in den Mond. Immer wenn der Mond zu sehen ist wird der Vogel traurig und ruft nach seiner Geliebten…

Hier könnt ihr hören, wie der Vogel weint: https://www.youtube.com/watch?v=c8sZUDPXuFE

Was ich auch irgendwo aufgeschnappt habe, ist eine Art Redewendung: Mir wurde gesagt, immer wenn man einen Kolibri sieht, denkt jemand an dich/ schickt dir eine Nachricht…

Was hat dir am besten und am schlechtesten gefallen?

Eins meiner Highlights ist auf jeden Fall immer wieder das Reisen und auch kleinere Ausflüge zu z.B. Wasserfällen in der Gegend. Ecuador ist einfach unfassbar schön und vielfältig, vor allem was die Natur betrifft.

An meiner Arbeit gefällt mir vor allem der Einzelunterricht mit den Studierenden im Haus, weil ich da wirklich das Gefühl habe etwas bewegen und helfen zu können. Ansonsten einfach das Anwesen Pakashka Sacha: Das Haus ist groß, modern und echt schön, außerdem haben wir direkt Regenwald um uns herum.

Die vielen leckeren Früchte gefallen mir auch jedes Mal aufs Neue 🙂

Was mir nicht so gefällt ist der teilweise sehr große Anteil an Putzen in meinem Alltag. Ansonsten ist es die Unzuverlässlichkeit: Einerseits finde ich es schön, spontan zu leben, andererseits ist es extrem nervig und manchmal enttäuschend, wenn man immer wieder Unternehmungen etc plant und dann spontan alle absagen, Dinge verändern und es doch nichts wird. Es ist eine andere Art zu leben (und zu planen), daran musste ich mich erst gewöhnen.

Was war eine tief greifende Lektion, die du in deinem Jahr in Ecuador über dich selbst gelernt hast?

Ich habe gelernt, dass ich deutlich resillienter bin, als gedacht und auch kommunikativer. Meine Introvertiertheit bleibt zwar, d.h. ich brauche viel Allein-Zeit für mich selbst, aber in der restlichen Zeit kann ich sehr extrovertiert wirken. Ich habe auch gelernt, dass ein anderes Umfeld mir sehr gut tut, vor allem das Loslösen von der Schule, einem engen Kaminkalender und Menschen, die mich zwar noch von früher kennen, mich aber nie wirklich richtig gekannt haben…

Wie sieht der übliche Alltag der Menschen in einem Indigenen Dorf aus (typische Mahlzeiten, Aufgaben, Freizeitbeschäftigungen)? Was machen die Kinder/ Teenager/ Alten?

Ich lebe zwar alle drei Wochen in der Comunidad Puka Urku, habe dort aber mein eigenes kleines Haus und nehme nicht aktiv am Dorfleben teil. Deswegen kann ich nur von dem Berichten, was ich so mitbekommen habe. Und, Spoiler: jede Familie ist unterschiedlich und auch das Leben in den Bergen wird sich noch einmal deutlich unterschieden von dem hier im Regenwald. Seht meine Antwort also eher als ein Beispiel, wie es sein kann gespiegelt an dem Leben der wenigen Menschen, die ich kennenlernen durfte 🙂

Wenn man jetzt beispielsweise nach Puka Urku (oder einer benachbarten Comunidad) fährt, geht es ziemlich lange eine holprige Landstraße mit dem Bus entlang. Am Straßenrand zieht man immer wieder Wald, Graß, Chacras und vereinzelte Häuser, meist auf Stelzen. Auch im “Dorf” selbst sieht es oft so aus: Die Häuser sind recht vereinzelt, dazwischen liegen die Chacras der Familien. Es ist eher eine lose Ansammlung von Besiedelung, nur im Kern des Dorfes stehen ein paar Häuser sehr nah. Es gibt eine sehr kleine Kirche, einen Fußballplatz, eine Fläche die für Versammlungen und Feiern genutzt wird und auch eine Überdachung hat und die Grundschule. Andere Dörfer sind vielleicht größer und bieten mehr, oft muss man für Besorgungen aber zur nächsten Stadt. Manchmal kommen auch Autos vorbei, die Lebensmittel, Gas oder anderes verkaufen. Die Straßen und Busse sind relativ neu, früher, wurde mir erzählt, waren die Dörfer nur durch den Fluss erreichbar. Aber auch jetzt noch sind große Kanus mit Motor ein wichtiges Transportmittel, um von A nach B zu kommen. Die meisten Dörfer liegen aber nicht nur am Ufer, um gut verbunden zu sein: Der Flussschlamm macht die Erde fruchtbarer.

Viele Familien leben mit mehreren Kindern und oft erweiterter Verwandtschaft zusammen. Manche Erwachsene sind fest angestellt und pendeln von der Stadt, andere suchen Gelegenheitsjobs als z.B. Bauarbeiter, andere verdienen Geld als Motor-Kanu Fahrer und fahren entweder Dorfbewohner*innen herum oder machen Touren mit Touristen den Fluss entlang. Ich habe auch schon gesehen, wie Frauen zuhause Körbe flechten oder Schmuck herstellen und den dann in der Stadt verkaufen. Vor allem junge Erwachsene zieht es zum Arbeiten und/ oder Studieren in die Städte, das heißt viele haben auch Verwandtschaft dort, die sie ab und an besuchen. Viele Familien besitzen Hühner, um die sich gekümmert werden muss und eigenes Land. Dieses muss regelmäßig bestellt werden. Chacras sind anders, als ich es von Feldern aus Deutschland kenne: In der Regel sehr viel kleiner und vor allem mit Mischkultur bepflanzt. Oft stehen Kakaobäume herum, dann wird Mais angepflanzt, Kochbananen, Yuka, manchmal Vanille oder Kaffe zwischendrin und Bohnen habe ich auch schon gesehen. Arbeiten, die anstehen: Mit Machete das Gelände von Unkraut befreien, Pflanzen und Ernten. Manchmal wird auch gefischt. Die geernteten Kakaobohnen werden ausgebreitet in der Sonne getrocknet, oft auch auf der heißen Asphaltstraße am Rand und dann in Säcken in der nächsten Stadt verkauft. Die Erzeugnisse dienen sowohl zur eigenen Ernährung, werden aber auch verkauft. Typische Mahlzeiten sind Reis mit Hähnchen/ Fisch, Suppe, gekochte oder frittierte Yuka-Wurzel und Kochbananen. Getrunken wird z.B. Tee (etwas aus Hierba Luisa, eine Art Zitronengras oder Guayusa), Limonade (aus frischen Limetten) und ganz viel Chicha, ein fermentiertes weißes Getränk aus Yuka, das super viele Nährstoffe besitzt.

Was ich an Freizeitbeschäftigungen beobachtet habe unterscheidet sich jetzt nicht so sehr von Zuhause: Fernsehen, im Fluss baden, am Handy zocken (Spiele/ Social Media), Fußball spielen, mit Familie/ Nachbar*innen/ Freund*innen quatschen…

Die Kinder und Jugendlichen sind vormittags in der Schule, nachmittags werden vor allem die Teenager sicher im Haushalt ein bisschen mithelfen müssen. Ich habe am Fluss schon oft ältere Mädchen mit ihren Müttern Wäsche waschen sehen. Großeltern leben oft in den Familien mit und bringen ihren Beitrag, ansonsten werden sie gepflegt.

Gab es einen Moment, der dich emotional besonders herausgefordert oder nachhaltig berührt hat? Warum?

Die Momente die mich am allermeisten herausgefordert und berührt haben sind mir ehrlich gesagt zu privat, um sie hier zu veröffentlichen… Aber von anderen Dingen erzähle ich gern 🙂

Besonders herausfordernd war für mich immer wieder der Umgang mit Kindern und den Hunden – weil beide süß sind, irgendwie unschuldig, und einem trotzdem absolut zu Weißglut bringen können. Was mache ich, wenn sie einfach nicht hören? Dumme Dinge machen und ich sie vor sich selbst beschützen muss? Sie scheinbar grundlos heulen? Manchmal habe ich mich überfordert oder hilflos gefühlt, dass hat sich schon eingeprägt.

Berührt haben mich vor allem die Liebe und die Geschenke der Kinder. Aber auch die Hilfsbereitschaft und Offenheit der Studierenden. Einmal als ich krank war, hat einer der Studenten extra irgendeine Pflanze aus dem Garten für mich gesucht, deren Tee das Fieber senken soll und mich zum Arzt begleitet. Das waren Momente, wo sich Pakashka wirklich wie eine zweite Familie angefühlt hat.

In welchen Momenten hast du dich besonders verbunden gefühlt mit dem Land, den Menschen oder dir selbst?

Manchmal wenn ich unterwegs bin erfasst mich ein extrem starkes Verbundenheitsgefühl. Z.B. wenn ich im Bus sitze, Spanische Liebesballaden laufen, die ich mittlerweile schon kenne und am Fenster die vertraute Landschaft vorbeizieht. Oder wenn ich abends im Park bin, alle ihren eigenen Aktivitäten nachgehen, Fußball spielen, irgendwo ein Tanzkurs mit voller Musik läuft und ich mein übliches Eis lecke. Dann bin ich regelrecht verliebt in dieses Land und mein Leben hier. Ich glaube Verbundenheit entsteht oft durch Vertrautheit, die Routinen hier: Wenn ich beim Abwasch mit den anderen quatsche, genau weiß, welcher Frischkäse im Supermarkt der leckerste ist, unsere Hunde mich schon von weitem begrüßen oder ich Bekannten in der Stadt zuwinke. Wenn mich die Marktfrau, die mich schon kennt, in ein Gespräch verwickelt oder meine Schritte in großen Busbahnhöfen fast von allein ihren Weg finden. Ich bin angekommen.

Welche Berührungspunkte mit Feminismus/ Rechte von LGBTQIA+ hattest du in Ecuador?

Eher wenige, da ich recht abgeschieden lebe. In den Großstädten findet man eher Bubbles und Veranstaltungen. Manchmal sehe ich auf Mauern Kunst, die Indigene Frauen empowern oder (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen/ häusliche Gewalt aufgreift und somit sichtbarer macht. In Tena gibt es eine Brücke, wo Überlebende ihre Handabdrücke an einer lila Wand hinterlassen haben. Daneben war eine Infografik, die über Gewalt gegen Frauen aufklärt. Allerdings wurde die vor ein paar Monaten heruntergeschlagen und seit dem nicht ersetzt.

Queere Menschen habe ich in Tena kaum gesehen oder gefunden, aber ich war bei der Pride-Parade in Quito, das war schön. Ansonsten ist es eher schwerer, die queeren Menschen in Ecuador zu finden, da viele ungeoutet sind und/ oder es an Institutionen wie queeren Vereinen fehlt, um sich zu connetcten.

Welche Werte oder Haltungen möchtest du aus deinem Freiwilligenjahr mit in deinen weiteren Lebensweg nehmen – und warum?

Ich will die Neugier und Bereitschaft Neues auszuprobieren mitnehmen und eine ordentliche Portion Gelassenheit, wenn es um die Zukunft geht. Am Ende überrascht einen das Leben immer wieder, es lohnt sich, nicht alles zu Brei zu denken und stattdessen das Jetzt zu genießen.

Was war das verrückteste Gericht, was du probiert hast?

Ich glaube die ungewöhnlichste Kombinationen waren Eis mit Käse und Suppe mit Popcorn… Schmeckt beides okay bis ganz gut. Das Popcorn ist natürlich salzig.

Was für einen Tipp würdest du deiner Nachfolger*in geben?

Packe so wenig wie möglich Gegenstände ein, die dir wichtig sind, du aber nicht regelmäßig benutzen wirst. All das (Notizbücher, Schmuck mit Lederbändern oder Holzperlen, Stoffbeutel, Badtaschen, Portemonnaies, Kartenspiele, …) wird entweder verschimmeln oder Stockflecken bekommen und dir ganz viel Stress bereiten. Wenn man hinterher ist, lässt sich der Schimmel regelmäßig wegwischen und die Sachen in der Sonne trocken, aber das macht man auf Dauer nur mit den wirklich wichtigen Sachen. Den unnötigen Rest lieber sicher in Deutschland lassen, er landet sonst früher oder später im Müll.

Ansonsten: Lass dich auf die Erfahrung ein, versuche so viel wie möglich Spanisch zu sprechen, auch wenn du es noch nicht so gut kannst und suche dir lieber mehr Freund*innenschaften vor Ort als (nur) mit anderen Freiwilligen, die auch Deutsch sprechen. So tauchst du in die Kultur tiefer ein.


Danke an alle, die mir Fragen geschickt haben! Wenn es noch Unklarheiten gibt oder euch noch was eingefallen ist, dann schreibt es gerne in die Kommentare 🙂

Bis zum nächsten Mal!

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