Wie mein Auslandsaufenthalt mich bereits verändert hat

Seit fast einem Jahr lebe ich jetzt schon in Ecuador, arbeite teilweise mit Kindern, lebe mit Personen, die mir früher fremd waren, spreche täglich eine Sprache, die nicht die meine ist, probiere neue Dinge aus und mehr. Veränderung kommt meistens schleichend. In den ersten Wochen hier war sie jedoch stark spürbar und ich hatte das Gefühl, als Reaktion darauf im Schnelldurchlauf eine Persönlichkeitsänderung durchzumachen, die sehr ins Extrovertierte ging. Mittlerweile hat sich das wieder eingependelt. Und trotzdem bin ich nicht mehr die gleiche Person. Während des gesamten Lebens entwickelt man sich weiter und gewinnt an Erfahrungen dazu und dennoch bin ich mir zu 100% sicher, dass diese Monate hier mich mehr geprägt haben, als sie es zuhause während z.B. eines Studiums hätten tun können. Ich habe schon immer viel nachgedacht und mich selbst reflektiert. Auch in Deutschland, würde ich behaupten, kannte ich mich selbst sehr gut. Und deshalb bemerke ich jetzt umso stärker, wie in einem fremden Umfeld neue Seiten an mir hervorkommen. Und ich bin ehrlich: Die meisten von ihnen gefallen mir…

Gelassenheit/ Ressilienz

Während meiner Zeit hier bin ich immer und immer wieder auf neue Situationen, fremde Menschen und ein „Normal“ gestoßen, was für mich aus meiner Perspektive nicht das Normal ist. Das hat einige Prozesse in mir extrem beschleunigt. Z.B. ist mein Selbstbewusstsein gestiegen. Ich kenne mich gut und ruhe in mir, deshalb kann ich sehr offen auf alles Neue zugehen und mich darauf einlassen. Generell bin ich offener in Gesprächen, sag öfter „ja“ anstatt aus der Angst aufzufallen abzulehnen. Ich gewöhne mich viel schneller an äußere Umstände – seien es (in meiner Sicht) übertriebenen Putz- und Aufräumregeln, andere Art und Weisen, mit Problemen umzugehen oder auch niedrigere Lebensstandards ohne z.B. Leitungswasser (im Extremfall). Denn es lässt sich feststellen: Irgendwie geht es immer und nur weil etwas erst unbequemer oder schlicht weg anders als gewohnt ist, ist es nicht unbedingt schlechter. Wenn es sein muss, kann ich auch drei Mal die Woche putzen oder bei Besuchen von Freund*innen mit einem Eimer Regenwasser die Spülung bedienen. It‘s not that big. Ich würde schon sagen, dass ich dadurch gelassener bin. Irgendwie laufen die Dinge schon und ich mache mir weniger einen Kopf wegen kleiner Sachen, aber auch ggü. großen wie z.B. Zukunftsängsten. Auf der anderen Seite nehmen mich auch wirkliche Probleme und Krisen weniger stark mit – ich bin resilienter geworden.

PRIVILEGIEN/ Politisierung

Mein Leben hier hat mir die Privilegien, die ich genieße, noch einmal viel eindrücklicher vor Augen geführt. Nur weil ich das Glück hatte in Deutschland geboren zu sein stehen mir so viele Türen offen. Ich habe Eltern, die mir sehr gute Bildung finanzieren können, ich habe schon viele Länder mit nur 19 Jahren sehen dürfen, ich war in einem Schulsystem, das zwar nicht perfekt ist, mir aber Grundwissen und kritisches Denken beigebracht hat, ich habe endlose Möglichkeiten, was meine Zukunft angeht, eine Staatsbürgerschaft, die mir garantiert Sozialleistungen beanspruchen zu können, Krankenversicherung, einen recht hohen Mindestlohn im eigenen Land etc. etc.

Wir nehmen zu viel als selbstverständlich und hinterfragen nicht, warum wir eigentlich davon ausgehen, dass es uns zusteht. Was unterscheidet uns von denen, die dieses Glück nicht teilen?

Während ich Ecuador für eine Zeitspanne von bis zu 3 Monaten jederzeit wieder besuchen könnte, ohne auch nur ein Visa beantragen zu müssen, muss ich meinen Freund*innen erklären, was sie alles für ein Touristenvisa bräuchten (Einladungsschreiben, Vermögensnachweis, bereits reservierte Flugtickets etc. etc), um mich in Europa besuchen zu können.

Während ich als weiße Person in den Medien ständig repräsentiert werde und hier in Ecuador als „gringa“ zwar auffalle und anders behandelt werde, würde sich (vor allem bei dem derzeitigem Rechtsruck) bei meinen Freund*innen in Deutschland die Andersartigkeit schnell mit Feindseligkeit/ Skepsis paaren. Ich hingegen werde nie Rassismus erfahren.

Ich kann in dieses Land hier einreisen für einen Freiwilligendienst, den zum Großteil mein Staat übernimmt und muss noch nicht einmal eine der ursprünglichen Sprachen der Region wie Kichwa lernen, da ja eh alle das mit dem Deutschen verwandten und für mich einfach zu lernende Spanisch sprechen. Wie praktisch. Also für mich. Aber dahinter steht natürlich die grausame Geschichte von Kolonialisierung, Unterwerfung und Ausbeutung. Ausbeutung, die bis heute anhält – z.B. durch Großkonzerne, die den Geldmangel von Regierungen ausnutzen, um viel zu billig Grundstücke, Bohrrechte etc. zu kaufen und die die Heimat und Lebensgrundlage von Menschen zerstören, die diesem Deal nie zugestimmt haben.

Neben Rassismus und Kolonialismus habe ich mich aber auch durch Lektüre und (zugegebenermaßen) Social Media noch mehr mit Feminismus, Queerness und generell Machtstrukturen/ Diskriminierungsformen beschäftigt. Man könnte sagen: ich habe mich weiter politisiert. Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten fallen mir viel deutlicher auf, ich verfolge das politische Geschehen in Deutschland weiterhin und hinterfrage meine eigene Sozialisierung. Ich baue eigene, unbewusste Vorurteile ab und schaue mir verschiedenste Perspektiven an. Ich bilde mich weiter. Und das bereichert mich sehr.

Eigenständigkeit

Das erste Mal befinde ich mich nach Schule dauerhaft in einer Art Arbeitsumfeld. Auch das hat mich viel gelehrt: Ich spreche Probleme jetzt eher an, suche mir Hilfe, wenn ich sie brauche und habe mehr Eigeninitiative. Ich verwalte mein Geld und meine Ausgaben komplett selber, werde von Fremden mittlerweile immer als Erwachsene gelesen (und schon ein paar Mal gefragt, ob ich die Mutter meiner Mit-Freiwilligen bin?!) und genieße meine Freiheit sehr. Da meine Einsatzstelle gleichzeitig mein Wohnort ist, gibt es doch ein paar Regeln und Aufgaben, die mich manchmal einschränken, aber so generell kann ich in meiner Freizeit tun und lassen was ich will. Eher eigenständig und verantwortungsvoll war ich schon immer, aber endlich habe ich auch wirklich den Spielraum/ die Macht über mein Leben und kann dies auch ausleben. Ich liebe es.

Der Innere Kern

Im Ausland zu leben ist wie eine Probe: Welche Charaktereigenschaften, welche Gewohnheiten, welche Beziehungen usw. bleiben auch bei komplett verändertem Umfeld bestehen? Was ist mein Kern? Was ist mir wichtig? Welche Menschen bleiben mir auch in der Ferne nahe, bei welchen will ich wieder mehr Kontakt suchen, wenn ich zurück komme und bei welchen tut mir der Abstand gut?

Während des letzten Jahres habe ich sehr viel mehr über meine Bedürfnisse, Grenzen und Macken gelernt. Das hat mir auch extrem bei meiner Zukunftsplanung geholfen: Vieles ist mir immer noch unklar, aber ich weiß, welche Seiten an mir selbst mich in allen Lebenslagen begleiten werden und welche Menschen ich dabei gern an meiner Seite behalten will. Ich habe meine Resilienz in wirklich schweren Phasen bestärkt bekommen, ich merke, wie manche Leidenschaften nicht abklingen, auch wenn ich ihnen teilweise sehr lange nicht nachgegangen bin und ich weiß, bei wem ich zu jeder Uhrzeit anrufen kann, aber auch mit wem ich vielleicht keinen ständigen Austausch brauche, um mich auf die Person verlassen zu können.

Es ist irgendwie Paradox: Obwohl ich mich immer wieder selbst überrasche und Neues an mir entdecke, kenne ich mich immer besser. Und ich mag den Großteil an mir, den Rest kann ich akzeptieren.

im hier & Jetzt, Neues Probieren

Hier in Ecuador lasse ich mich viel mehr treiben, lebe mehr im Tag und spontaner. Das hat einerseits mit der Kultur zu tun, die mich hier umgibt, andererseits aber auch mit dem Fakt, das ich sehr weit weg von Zuhause, also meinen alten Gewohnheiten und Verpflichtungen bin. Bis auf meine Arbeit war ich hier bei meiner Ankunft so wunderbar frei – und das in vielen Sinnen. Einerseits hatte ich die Zeit, Neues zu versuchen, andererseits kannte mich hier vorher auch niemand, das heißt ich konnte ganz andere Versionen von mir selbst ausprobieren. Wer sagt denn überhaupt, dass ich zurückhaltend bin? Vielleicht ist das nur ein Muster, was ich über die Jahre in meinem alten Umfeld nicht gut ablegen konnte. Vielleicht mag ich Partys ja doch? Und wenn nicht, auch nicht schlimm. Auf einmal habe ich ganz andere Dinge ausprobiert, viel spontan mit Fremden unternommen und mehr und mehr Seiten an mir selbst entdeckt. Da niemand eine veraltete Version von mir kannte konnte ich einfach die Version leben, die sich genau jetzt nach mir anfühlt. Und das war sehr befreiend und spannend.

Körpergefühl

Eine weitere Veränderung: Ich fühle mich absolut wohl in meinem Körper. Ich glaube das hat viele Gründe…

1. bin ich in Ecuador genau in der Durchschnittsgröße und kann zum ersten Mal in meinem Leben fast allen Menschen entspannt in die Augen sehen ohne ständig nach oben gucken zu müssen.

2. Arbeite ich teilweise doch recht körperlich, köpfe Pflanzen und kleine Bäumchen mit Machete, schleppe Erde, wander die ganzen Hügel hier rauf und runter etc. etc. Die Arbeit an der frischen Luft tut mir gut, ich bin stärker geworden, habe fast nie mehr Rückenschmerzen und fühle mich gesund. Und ich schlafe genug, auch das tut mir so gut.

3. Ich glaube ich hatte es schon einmal in einem Artikel erwähnt, aber das Schönheitsideal liegt in Ecuador mehr bei Kurven und weniger bei schlank. Demzufolge tragen viele Frauen mit den unterschiedlichsten Körpern öfter enge und figurbetonte Kleidung. Immer wieder sehe ich selbstbewusste, schöne Frauen, die zu dick für das westliche Schönheitsideal sind. Es ist normal für mein Auge geworden – und auch ich fühle mich als würde ich ganz natürlich dazu passen.

4. Jetzt, wo ich noch viel mehr Seiten von mir ausleben kann, mag ich mich selbst noch mehr. Mein Äußeres, was für mich noch nie das Wichtigste war, wird damit noch unbedeutender.

5. Ich weiß gar nicht wie ich das beschreiben soll, aber ich habe überhaupt jetzt erst ein stärkeres Körpergefühl entwickelt. Vielleicht war es durch die Krankheiten/ Parasiten oder dadurch, dass ich weniger Stress habe, aber ich habe das Gefühl, meinen Körper jetzt erst richtig wahrzunehmen und so auch viel besser zu wissen, was er gerade braucht.

Sprache

Auch meine Sprache hat sich verändert. Mittlerweile bin ich im Spanischen so sicher, dass ich mich deutlich wohler mit der Sprache fühle als mit Englisch. Mein Englisch hingegen ist richtig schlecht geworden, weil ich kaum noch jemanden höre, der gut spricht. Das ist schade, lässt sich aber in Zukunft sicherlich ändern. Spanisch so gut zu sprechen hat auf jeden Fall meinem Selbstwertgefühl geholfen und mich motiviert in Zukunft vllt noch mehr Sprachen zu lernen. Das Einzige, was ich leider immer noch nicht kann, ist das Zungen-R. Das finde ich schon etwas beschämend, aber man versteht mich trotzdem.

Ansonsten nutze ich in meinem Alltag (wenn ich Deutsch rede) A. Viele Anglizismen/ mehr Jugendsprache als früher (weil ich Deutsch fast nur noch mit Gleichaltrigen spreche), B. Mehr Flüche (ich habe mich zu sehr daran gewöhnt, dass mein Umfeld kein Deutsch kann und sie sowieso nicht versteht… Das wird erst einmal eine Umstellung bei der Rückkehr) und C. Sehr viele Spanische Einschübe. Ein „Vamos!“ verstehen die meisten vielleicht noch, aber von Freund*innen ernte ich immer mal wieder Verwirrung, wenn ich dachte ich rede normal Deutsch mit ihnen. Manche Wörter fühlen sich für mich auf Spanisch einfach natürlicher an und/ oder sind kürzer. Dann entstehen Sätze wie „Entonces gehen wir? – Más luego…“, „Gib mal das agua“ oder die ständige Nachfrage „¿Qué?” oder „¡Mande!“, wenn ich was nicht verstanden habe…

Man könnte sagen mein Deutsch ist schlechter geworden – oder vielfältiger. Auch Sprache ist Einflüssen ausgesetzt und wandelt sich. Aber all die Änderungen haben nichts an meiner Liebe zu Worten geändert, im Gegenteil: Ich habe eine viel größere Wertschätzung gegenüber Sprachen entwickelt und mir ist noch einmal viel bewusster geworden, wie sich eine Muttersprache anfühlt, eine Sprache, in der man seine Gedanken und Gefühle nicht nur vereinfacht, sondern in all ihrer Komplexität ausdrücken kann…

Fazit

Insgesamt bin ich offener, sozialer, selbstbewusster, weiser, resilienter, noch reflektierter, verrückter, entspannter und ja – auch glücklicher als zuvor. Aber ich frage mich auch: Ist es mein Umfeld hier, was diese Seiten hervorbringt? Und wie wird sich das alles entwickeln, wenn ich wieder in Deutschland bin, in meinem alten Umfeld und mit all dem Stress eines neuen vollen Alltags? Werde ich mich wieder zurückziehen? Das werde ich wohl herausfinden müssen…

FAQ – Eure Fragen, meine Antworten

In letzter Zeit habe ich immer einmal herumgefragt, ob ihr noch Fragen zu Ecuador und meinen Freiwilligendienst hier habt… Ich habe mal gesammelt und hier sind die Antworten 🙂

Eure Fragen

Was können wir uns aus Ecuador abgucken?

Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, da sie recht subjektiv ist. Mein Eindruck von der ecuadorianischen Gesellschaft ist, dass sie tendenziell spontaner und gastfreundlicher als die deutsche ist. Ich erlebe häufiger ein Miteinander als ein Co-Existieren, wenn es z.B. um Nachbarschaften oder Großverwandtschaft geht. Dass können wir uns gerne abschauen.

Ansonsten finde ich, sollten wir auch in Deutschland einführen, dass die Busse einen überall auf der Strecke rauslassen, das öffentliche Gesundheitssystem könnte auch in Deutschland grundsätzlich kostenfrei sein (egal ob du deutsche Staatsbürgerschaft hast oder nicht) und Moto-Taxis, also Motorradfahrer*innen, die dich für ein bisschen Geld mitnehmen, sind auch sehr praktisch.

Wie hat dich dein Freiwilligendienst verändert?

Ich würde sagen ich bin offener, spontaner und selbstbewusster geworden. Ich habe ganz andere Seiten an mir kennengelernt und viel Neues ausprobiert… Zur Zeit schreibe ich auch an einem ausführlicheren Artikel über das Thema, bald kommt also die lange Antwort 🙂

Was hast du in Ecuador gelernt, was deiner Meinung nach jeder Mensch erleben oder begreifen sollte?

Ich glaube das ist vor allem Einsicht und Dankbarkeit für die eigenen Privilegien. Ich glaube, die Welt könnte eine bessere sein, wenn alle Menschen diesbezüglich mehr sensibel wären.

Welches typische Gericht ist dein Liebstes?

Einiges an ecuadorianischen Gerichten ist leider mit Fleisch oder Fisch, aber ich mag Locro de Papa sehr gerne. Das ist so eine Art Kartoffelsuppe mit Käse, die mit Avocado serviert wird…

Wie fühlst du dich als Frau beim Reisen im Land?

Auf meinen Reisen habe ich mich fast immer sicher gefühlt. Wenn man weiß, welche Regionen man besser meidet ist Ecuador sicherer als viele denken mögen. Gerade in Tena fühle ich mich auch nachts allein sicher, jedenfalls nicht unsicherer als in Deutschland. Auf meinen meisten Reisen war ich fast nie allein unterwegs, sondern entweder mit anderen Freiwilligen oder Freund*innen von hier. Deshalb hatte ich die Erfahrung allein zu reisen eher seltener.

Generell kann ich zu dem Thema sagen: Ich werde in Ecuador deutlich häufiger angequatscht, als ich es von Deutschland kenne. Als weiße Frau gelte ich als „gringa“ (eine Art lokales Wort für Ausländerin/ Weiße) und werde häufig als Touristin gelesen. In den Gesprächen, fast immer von Männern angefangen, geht es dann um die typischen Fragen: Spreche ich Spanisch? Wie lange bin ich schon in Ecuador? Was mache ich hier? Wie gefällt mir das Land? Wie alt bin ich? Usw… Oft ist es pures Interesse ohne andere Absichten, manchmal fühle ich mich dabei unwohl. Bei mir ist es nie übergriffig geworden, aber ich weiß von Freundinnen, dass sie auch schon schnell von (sehr viel älteren) Männern nach ihrem Facebook, der Handy Nummer oder einem Treffen ausgefragt wurden. Meine Gefühle zu den Gesprächen sind gemischt, manchmal will ich einfach in Ruhe gelassen werden und finde manche Männer eher belästigend, manchmal entstehen voll die netten Gespräche. Abgesehen davon kann ich sagen, dass die meisten Menschen hier aber total nett sind und einem weiterhelfen wenn man eine Auskunft braucht, ein Taxi heran winken will oder sich verlaufen hat. Wirklich unsicher oder bedroht fühle ich mich deshalb nie, maximal angenervt oder in einem unangenehmen Gespräch gefangen.

Unsicher fühle ich mich bisher nur in Quito, vor allem, weil mir immer und immer wieder von den Locals gesagt wird, dass ich da aufpassen muss. Hierbei geht es tatsächlich mehr um Diebstahl und Raub, die gleichen Warnungen bekommen auch die Männer. Bis auf einen Taschendiebstahl in der Menschenmenge ist mir aber zum Glück noch nie etwas passiert. Generell kann ich Ecuador sehr zum Reisen empfehlen 🙂

Hast du lokale Märchen/ Sagen/ Geschichten aufgeschnappt?

Ja, ab und zu. Wenngleich auch eher so kurze Geschichten. Eine ist über einen Vogel hier, der „nictibio“ heißt und nur bei Vollmond nachts ruft (heult?). Der Klang ist schon etwas gespenstig. Die Sage besagt, dass es einmal ein junges Liebespaar aus zwei verschiedenen Comunidades gab. Da ihre Verbindung geheim war, beschlossen sie durchzubrennen. Der Schamane erfuhr davon, wurde wütend und verwandelte den Mann in einen Vogel und die Frau in den Mond. Immer wenn der Mond zu sehen ist wird der Vogel traurig und ruft nach seiner Geliebten…

Hier könnt ihr hören, wie der Vogel weint: https://www.youtube.com/watch?v=c8sZUDPXuFE

Was ich auch irgendwo aufgeschnappt habe, ist eine Art Redewendung: Mir wurde gesagt, immer wenn man einen Kolibri sieht, denkt jemand an dich/ schickt dir eine Nachricht…

Was hat dir am besten und am schlechtesten gefallen?

Eins meiner Highlights ist auf jeden Fall immer wieder das Reisen und auch kleinere Ausflüge zu z.B. Wasserfällen in der Gegend. Ecuador ist einfach unfassbar schön und vielfältig, vor allem was die Natur betrifft.

An meiner Arbeit gefällt mir vor allem der Einzelunterricht mit den Studierenden im Haus, weil ich da wirklich das Gefühl habe etwas bewegen und helfen zu können. Ansonsten einfach das Anwesen Pakashka Sacha: Das Haus ist groß, modern und echt schön, außerdem haben wir direkt Regenwald um uns herum.

Die vielen leckeren Früchte gefallen mir auch jedes Mal aufs Neue 🙂

Was mir nicht so gefällt ist der teilweise sehr große Anteil an Putzen in meinem Alltag. Ansonsten ist es die Unzuverlässlichkeit: Einerseits finde ich es schön, spontan zu leben, andererseits ist es extrem nervig und manchmal enttäuschend, wenn man immer wieder Unternehmungen etc plant und dann spontan alle absagen, Dinge verändern und es doch nichts wird. Es ist eine andere Art zu leben (und zu planen), daran musste ich mich erst gewöhnen.

Was war eine tief greifende Lektion, die du in deinem Jahr in Ecuador über dich selbst gelernt hast?

Ich habe gelernt, dass ich deutlich resillienter bin, als gedacht und auch kommunikativer. Meine Introvertiertheit bleibt zwar, d.h. ich brauche viel Allein-Zeit für mich selbst, aber in der restlichen Zeit kann ich sehr extrovertiert wirken. Ich habe auch gelernt, dass ein anderes Umfeld mir sehr gut tut, vor allem das Loslösen von der Schule, einem engen Kaminkalender und Menschen, die mich zwar noch von früher kennen, mich aber nie wirklich richtig gekannt haben…

Wie sieht der übliche Alltag der Menschen in einem Indigenen Dorf aus (typische Mahlzeiten, Aufgaben, Freizeitbeschäftigungen)? Was machen die Kinder/ Teenager/ Alten?

Ich lebe zwar alle drei Wochen in der Comunidad Puka Urku, habe dort aber mein eigenes kleines Haus und nehme nicht aktiv am Dorfleben teil. Deswegen kann ich nur von dem Berichten, was ich so mitbekommen habe. Und, Spoiler: jede Familie ist unterschiedlich und auch das Leben in den Bergen wird sich noch einmal deutlich unterschieden von dem hier im Regenwald. Seht meine Antwort also eher als ein Beispiel, wie es sein kann gespiegelt an dem Leben der wenigen Menschen, die ich kennenlernen durfte 🙂

Wenn man jetzt beispielsweise nach Puka Urku (oder einer benachbarten Comunidad) fährt, geht es ziemlich lange eine holprige Landstraße mit dem Bus entlang. Am Straßenrand zieht man immer wieder Wald, Graß, Chacras und vereinzelte Häuser, meist auf Stelzen. Auch im “Dorf” selbst sieht es oft so aus: Die Häuser sind recht vereinzelt, dazwischen liegen die Chacras der Familien. Es ist eher eine lose Ansammlung von Besiedelung, nur im Kern des Dorfes stehen ein paar Häuser sehr nah. Es gibt eine sehr kleine Kirche, einen Fußballplatz, eine Fläche die für Versammlungen und Feiern genutzt wird und auch eine Überdachung hat und die Grundschule. Andere Dörfer sind vielleicht größer und bieten mehr, oft muss man für Besorgungen aber zur nächsten Stadt. Manchmal kommen auch Autos vorbei, die Lebensmittel, Gas oder anderes verkaufen. Die Straßen und Busse sind relativ neu, früher, wurde mir erzählt, waren die Dörfer nur durch den Fluss erreichbar. Aber auch jetzt noch sind große Kanus mit Motor ein wichtiges Transportmittel, um von A nach B zu kommen. Die meisten Dörfer liegen aber nicht nur am Ufer, um gut verbunden zu sein: Der Flussschlamm macht die Erde fruchtbarer.

Viele Familien leben mit mehreren Kindern und oft erweiterter Verwandtschaft zusammen. Manche Erwachsene sind fest angestellt und pendeln von der Stadt, andere suchen Gelegenheitsjobs als z.B. Bauarbeiter, andere verdienen Geld als Motor-Kanu Fahrer und fahren entweder Dorfbewohner*innen herum oder machen Touren mit Touristen den Fluss entlang. Ich habe auch schon gesehen, wie Frauen zuhause Körbe flechten oder Schmuck herstellen und den dann in der Stadt verkaufen. Vor allem junge Erwachsene zieht es zum Arbeiten und/ oder Studieren in die Städte, das heißt viele haben auch Verwandtschaft dort, die sie ab und an besuchen. Viele Familien besitzen Hühner, um die sich gekümmert werden muss und eigenes Land. Dieses muss regelmäßig bestellt werden. Chacras sind anders, als ich es von Feldern aus Deutschland kenne: In der Regel sehr viel kleiner und vor allem mit Mischkultur bepflanzt. Oft stehen Kakaobäume herum, dann wird Mais angepflanzt, Kochbananen, Yuka, manchmal Vanille oder Kaffe zwischendrin und Bohnen habe ich auch schon gesehen. Arbeiten, die anstehen: Mit Machete das Gelände von Unkraut befreien, Pflanzen und Ernten. Manchmal wird auch gefischt. Die geernteten Kakaobohnen werden ausgebreitet in der Sonne getrocknet, oft auch auf der heißen Asphaltstraße am Rand und dann in Säcken in der nächsten Stadt verkauft. Die Erzeugnisse dienen sowohl zur eigenen Ernährung, werden aber auch verkauft. Typische Mahlzeiten sind Reis mit Hähnchen/ Fisch, Suppe, gekochte oder frittierte Yuka-Wurzel und Kochbananen. Getrunken wird z.B. Tee (etwas aus Hierba Luisa, eine Art Zitronengras oder Guayusa), Limonade (aus frischen Limetten) und ganz viel Chicha, ein fermentiertes weißes Getränk aus Yuka, das super viele Nährstoffe besitzt.

Was ich an Freizeitbeschäftigungen beobachtet habe unterscheidet sich jetzt nicht so sehr von Zuhause: Fernsehen, im Fluss baden, am Handy zocken (Spiele/ Social Media), Fußball spielen, mit Familie/ Nachbar*innen/ Freund*innen quatschen…

Die Kinder und Jugendlichen sind vormittags in der Schule, nachmittags werden vor allem die Teenager sicher im Haushalt ein bisschen mithelfen müssen. Ich habe am Fluss schon oft ältere Mädchen mit ihren Müttern Wäsche waschen sehen. Großeltern leben oft in den Familien mit und bringen ihren Beitrag, ansonsten werden sie gepflegt.

Gab es einen Moment, der dich emotional besonders herausgefordert oder nachhaltig berührt hat? Warum?

Die Momente die mich am allermeisten herausgefordert und berührt haben sind mir ehrlich gesagt zu privat, um sie hier zu veröffentlichen… Aber von anderen Dingen erzähle ich gern 🙂

Besonders herausfordernd war für mich immer wieder der Umgang mit Kindern und den Hunden – weil beide süß sind, irgendwie unschuldig, und einem trotzdem absolut zu Weißglut bringen können. Was mache ich, wenn sie einfach nicht hören? Dumme Dinge machen und ich sie vor sich selbst beschützen muss? Sie scheinbar grundlos heulen? Manchmal habe ich mich überfordert oder hilflos gefühlt, dass hat sich schon eingeprägt.

Berührt haben mich vor allem die Liebe und die Geschenke der Kinder. Aber auch die Hilfsbereitschaft und Offenheit der Studierenden. Einmal als ich krank war, hat einer der Studenten extra irgendeine Pflanze aus dem Garten für mich gesucht, deren Tee das Fieber senken soll und mich zum Arzt begleitet. Das waren Momente, wo sich Pakashka wirklich wie eine zweite Familie angefühlt hat.

In welchen Momenten hast du dich besonders verbunden gefühlt mit dem Land, den Menschen oder dir selbst?

Manchmal wenn ich unterwegs bin erfasst mich ein extrem starkes Verbundenheitsgefühl. Z.B. wenn ich im Bus sitze, Spanische Liebesballaden laufen, die ich mittlerweile schon kenne und am Fenster die vertraute Landschaft vorbeizieht. Oder wenn ich abends im Park bin, alle ihren eigenen Aktivitäten nachgehen, Fußball spielen, irgendwo ein Tanzkurs mit voller Musik läuft und ich mein übliches Eis lecke. Dann bin ich regelrecht verliebt in dieses Land und mein Leben hier. Ich glaube Verbundenheit entsteht oft durch Vertrautheit, die Routinen hier: Wenn ich beim Abwasch mit den anderen quatsche, genau weiß, welcher Frischkäse im Supermarkt der leckerste ist, unsere Hunde mich schon von weitem begrüßen oder ich Bekannten in der Stadt zuwinke. Wenn mich die Marktfrau, die mich schon kennt, in ein Gespräch verwickelt oder meine Schritte in großen Busbahnhöfen fast von allein ihren Weg finden. Ich bin angekommen.

Welche Berührungspunkte mit Feminismus/ Rechte von LGBTQIA+ hattest du in Ecuador?

Eher wenige, da ich recht abgeschieden lebe. In den Großstädten findet man eher Bubbles und Veranstaltungen. Manchmal sehe ich auf Mauern Kunst, die Indigene Frauen empowern oder (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen/ häusliche Gewalt aufgreift und somit sichtbarer macht. In Tena gibt es eine Brücke, wo Überlebende ihre Handabdrücke an einer lila Wand hinterlassen haben. Daneben war eine Infografik, die über Gewalt gegen Frauen aufklärt. Allerdings wurde die vor ein paar Monaten heruntergeschlagen und seit dem nicht ersetzt.

Queere Menschen habe ich in Tena kaum gesehen oder gefunden, aber ich war bei der Pride-Parade in Quito, das war schön. Ansonsten ist es eher schwerer, die queeren Menschen in Ecuador zu finden, da viele ungeoutet sind und/ oder es an Institutionen wie queeren Vereinen fehlt, um sich zu connetcten.

Welche Werte oder Haltungen möchtest du aus deinem Freiwilligenjahr mit in deinen weiteren Lebensweg nehmen – und warum?

Ich will die Neugier und Bereitschaft Neues auszuprobieren mitnehmen und eine ordentliche Portion Gelassenheit, wenn es um die Zukunft geht. Am Ende überrascht einen das Leben immer wieder, es lohnt sich, nicht alles zu Brei zu denken und stattdessen das Jetzt zu genießen.

Was war das verrückteste Gericht, was du probiert hast?

Ich glaube die ungewöhnlichste Kombinationen waren Eis mit Käse und Suppe mit Popcorn… Schmeckt beides okay bis ganz gut. Das Popcorn ist natürlich salzig.

Was für einen Tipp würdest du deiner Nachfolger*in geben?

Packe so wenig wie möglich Gegenstände ein, die dir wichtig sind, du aber nicht regelmäßig benutzen wirst. All das (Notizbücher, Schmuck mit Lederbändern oder Holzperlen, Stoffbeutel, Badtaschen, Portemonnaies, Kartenspiele, …) wird entweder verschimmeln oder Stockflecken bekommen und dir ganz viel Stress bereiten. Wenn man hinterher ist, lässt sich der Schimmel regelmäßig wegwischen und die Sachen in der Sonne trocken, aber das macht man auf Dauer nur mit den wirklich wichtigen Sachen. Den unnötigen Rest lieber sicher in Deutschland lassen, er landet sonst früher oder später im Müll.

Ansonsten: Lass dich auf die Erfahrung ein, versuche so viel wie möglich Spanisch zu sprechen, auch wenn du es noch nicht so gut kannst und suche dir lieber mehr Freund*innenschaften vor Ort als (nur) mit anderen Freiwilligen, die auch Deutsch sprechen. So tauchst du in die Kultur tiefer ein.


Danke an alle, die mir Fragen geschickt haben! Wenn es noch Unklarheiten gibt oder euch noch was eingefallen ist, dann schreibt es gerne in die Kommentare 🙂

Bis zum nächsten Mal!

Lebensupdate (April 2025)

Ich weiß, so fange ich meine Artikel ständig an, aber ich kann es wirklich nicht glauben und will es auch nicht wahrhaben, dass es bereits April ist. Das neue Jahr hatte doch gerade erst begonnen… Wo sind die vier Monate hin? Wo sind die acht Monate hin, die ich bereits in Ecuador bin? Ich rase gefühlt auf August zu und das macht mir einerseits ein bisschen Angst, andererseits freue ich mich auch.

Da ich nicht alles, was mir im Alltag so begegnet oder mich beschäftigt, in einen eigenen Artikel packen kann, dachte ich, ich mache vielleicht eine kleine Liste… Wenn euch etwas näher interessiert, klickt einfach drauf.

Aktuelle Themen/ Gedanken/ Projekte etc

große Reise (Cuyabeno, Cuenca und mehr)

Ende März bis Anfang April habe ich meinen einen langen zusammenhängenden Urlaub genommen und bin erst in das wunderschöne Naturreservat Cuyabeno gefahren, um Tiere zu beobachten (unter anderem Faultiere und rosa Flussdelfine!) und danach über Riobamba nach Cuenca, eine der schönsten Städte Ecuadors mit viel Kultur und Kunst… Mehr Details zu meiner Route, Erfahrungen und schöne Fotos findet ihr in meinem Artikel „Ecuador erkunden 2.0 – meine große Reise

Großprojekt – die Grundschule in Puka Urku streichen und neu sortieren

Es ist mir ein bisschen peinlich, dass zu schreiben, aber das Projekt, um das es geht, wollen wir schon seit einem halben Jahr (erfolglos) umsetzten… Umso schöner, dass es jetzt endlich geklappt hat. Also so halb. Tatsächlich hat sich nach einem langen Arbeitstag mit den Kindern und Eltern herausgestellt, dass die Farbe nicht reicht.

Das Projekt besteht darin, die Schule einmal ordentlich zu reinigen, neu zu streichen, neue Materialien zu besorgen, ein neues Ordnungssystem (mit verschließbaren Kisten) einzuführen und ein paar Dinge zu reparieren. Nach dem wir nach Monaten endlich eine Kostenübersicht aufgestellt, genug Spenden gesammelt und die Materialien eingekauft haben, war am 8.4.2025 der (leider nicht letzte) Arbeitseinsatz. Wir haben eine Minga mit allen Eltern der Kinder gemacht und es wurde ordentlich geschuftet. Jetzt fehlt aber Geld für unerwartete Kosten – vor allem mehr Farbe, aber auch einiges für kleinere Reparaturen (z.B. tropft es an ein paar Stellen bei Regen durchs Dach)…

Falls ihr euch vorstellen könnt, ein paar Euro für das Projekt zu spenden, würden wir uns sehr freuen 🙂 Ihr könnt das über folgende Bankverbindung:

Raiffeisenbank Zug, 
VEREIN SABER Y CRECER 
IBAN CH33 8080 8003 6745 9609 3

(Am Besten beim Verwendungszweck Projekt Grundschule Puka Urku angeben) Danke euch!

lokale Früchte als Eissorten ausprobieren – Ranking

Im „parque lineal“, in der Nähe der Englischschule, gibt es einen Wassereisstand, der selbst gemachtes Eis aller möglichen Obstsorten anbietet – unter anderem auch eine große Anzahl lokaler Früchte. Das Angebot ist riesig und viele Früchte kenne ich bereits, aber ich habe es mir zur Challenge gemacht, alle Sorten mit Namen, die ich nicht kenne, auszuprobieren und ein Ranking zu erstellen. Noch fehlen mir sehr viele Sorten, aber ich kann ja schon einmal vorstellen, was ich bereits habe:

FruchtBewertung (1-10)Kommentar
Morete9Geht immer wieder und so viel besser als wenn man Morete einfach so isst
Unguraga8,5Schon nice, Geschmack unbeschreiblich
Mulchi5Fruchtig, aber hat kaum Geschmack?
Arazá con leche9Ehrlich erfrischend, sommerlich, fruchtig
Avío4Wo bleibt der Geschmack?? Leichter
Hauch von irgendwas Fruchtigem…
Borojó6Schmeckt ein bisschen nussig, lecker
Wachanso6Ist irgendwie Schokoeis mit irgendeiner Nusssorte, die ich nicht definieren kann
Umzüge im Studentenhaus Pakashka Sacha

Neue Student*innen kommen und gehen, aber vor allem gehen sie… 🙁 Von den vier Studenten, die bei meiner Ankunft im August da waren, ist jetzt auch der Vorletzte ausgezogen. Übrig bleibt nur der Jüngste, der irgendwie nicht richtig zählt, da er noch in die Highschool geht und eine Sonderrolle hat. Alle drei Jungs, die uns verlassen haben (der Erste schon im November, der Zweite im Januar und jetzt auch der Dritte) sind mir extrem ans Herz gewachsen und haben für mich Pakashka bedeutet. Es ist total schade, dass sie gehen, auch wenn wir im Kontakt bleiben. Jetzt ist es seltsam leer – wir brauchen dringend neue Student*innen, auch, um irgendwie mit dem Putzpensum klarzukommen. Immerhin ist eine ehemalige Studentin noch einmal eingezogen, da sie nachträglich zu ihrem Studiumsabschluss noch Englisch lernen will. Mit dem Jüngsten zusammen macht das zwei Student*innen auf drei Freiwillige und einen Chef – Finde den Fehler…

neue Experimente in der Küche

Unsere besten Köche sind leider ausgezogen und so langsam sehne ich mich nach Abwechslung von Reis und Nudeln. Deshalb versuche ich immer mehr Rezepte zu finden oder abzuwandeln, die ich mit beschränkten Zutaten im Haus kochen kann.

Nichtsdestotrotz konnte ich einige neue und leckere Sachen ausprobieren:

  • Veganes Schnitzel aus Haferflocken selber machen – Ich habe kein Foto, war aber relativ lecker verglichen mit dem wenigen Aufwand
  • Locro de papa – Eine Kartoffelsuppe, die sogar Nationalgericht ist und ich unbedingt in Cuenca probieren wollte, aber nicht gefunden habe. Deshalb habe ich einfach das erstbeste Rezept aus dem Internet selber nachgekocht und es ist mega lecker geworden. Allerdings kann ich nicht einschätzen, wie authentisch mein locro de papa wirklich ist, ich habe es hier ja noch nie probiert…
  • Blumenkohl-Wings – Blumenkohl in einer würzigen Marinade einlegen und frittieren, dazu Kartoffelbrei und ein frischer Salat mit Avocados und Sojasauce ist eines meiner neuen Lieblingskreationen…
  • Erdnusssuppe – Das Lustige ist, dass ich mein Rezept für Erdnusssuppe als angeblich typisch ecuadorianisches Gericht bereits vor meiner Einreise aus dem Internet habe, hier aber wirklich niemand je von diesem Gericht gehört hat… Aber es schmeckt trotzdem mega lecker und ich habe mich zum Glück wieder dran erinnert.
  • Linseneintopf – Okay, Linsen mit Reis gibt es oft, Linseneintopf ist also nicht wirklich neu, aber ich liebe Linsen einfach und habe echt nichts dagegen den Linsenanteil zu erhöhen und den Reis wegzulassen 🙂

Falls ihr irgendwelche Ideen und Tipps habt, schickt sie mir unbedingt! Wir haben vor allem frisches Gemüse, Grundzutaten wie Haferflocken, Mehl, Nudeln, Eier, Reis etc und ein paar Specials wie Erdnussbutter, Sojasauce und ab und zu Käse (auch wenn der nicht wirklich zählt…) da. Alles Verarbeitete (z.B. Tomatenmark) fehlt… Viele Rezepte, die ich liebe oder neu finde, kann ich leider aufgrund irgendeiner entscheidenden Zutat nicht umsetzten.

Frühlingsvibes im Regenwald

Wir befinden uns immer noch im sogenannten „Winter“, also der Regenzeit hier, aber die letzten Wochen waren wieder etwas trockener, sonniger und heißer. Auch wenn Trocken- und Regenzeit hier Sommer und Winter heißen, sind sie nicht mit den mitteleuropäischen Jahreszeiten zu vergleichen. Was mich deshalb so überrascht: Meine generelle Stimmung bewegt sich über die Monate gesehen genauso wie sie es sonst während der Jahreszeiten tun würde. Ist es Zufall? Oder ist meine innere Uhr noch so sehr auf Deutschland eingestellt? In (deutschen) Sommermonaten hatte ich mehr gute Laune, Energie und war viel draußen unterwegs. Dann habe ich mich ein bisschen mehr zurückgezogen, hatte während der Wintermonate (wegen dem vielen Regen vielleicht) eine kleine Winterdepression und jetzt spüre ich wie im Frühling neue Energie, mehr Lust rauszugehen, zu reisen und neue Dinge auszuprobieren… Diese Erkenntnis hat mich irgendwie verblüfft.

Mein Zimmer umräumen und dekorieren

Nach und nach füllt sich mein Zimmer immer mehr. Mittlerweile habe ich mich nicht nur längst eingerichtet – ich habe auch die Möbel verstellt, Mobile gebastelt, dekoriert und ganz viele Bilder a die Wand geklebt. Das mit dem Blick auf den Regenwald macht es zu einem Traumzimmer. Hier ein paar Fotos:

Upgrate Freiwilligenhaus Puka Urku

Über die Zeit wird das kleine Freiwilligenhaus in Puka Urku immer gemütlicher und voller. Die Entwicklung hat schon in meiner ersten Woche dort angefangen, als ich eine Wäscheleine aufgehangen habe und zieht sich hin. Dazu kamen:

  • eine (leider nur grüne) Lichterkette
  • eine Pumpe (für ein bisschen mehr Wasserdruck, Warmwasser wird wohl ein Traum bleiben)
  • ein Moskitonetz
  • ein mini-Spiegel fürs Bad, damit wir unsere hässlichen Arbeitsoutfits checken können 😉
  • ein Paar Plastiklatschen, damit wir nicht immer unsere hin und her tragen müssen
  • ein kleines Sieb
  • ein Kartoffelschäler (der gerade irgendwie weg ist)
  • ein Erste-Hilfe-Set (von mir gespendet… Fühlte mich irgendwie unvorbereitet)

Allein mit diesen Anschaffungen hat sich das Leben im kleinen Haus bereits viel luxuriöser angefühlt. Während ich die letzten Wochen auf Reisen war, wurde aber noch einmal eine riesige Schippe drauf gelegt: Wir haben jetzt auf dem Balkon Licht für abends, einen Seifenhälter in der Dusche und im Zimmer quetschen sich jetzt zwei Betten (das Neue viel größer als das Alte) sowie der mini-Kühlschrank, den wir im Pakashka immer für Privates genutzt haben! Ein Kühlschrank verändert alles. Wir können jetzt einfach Essen mitnehmen, dass gekühlt werden muss (Yoghurt etc), unser Obst und Gemüse wird nicht mehr so leicht schimmelig oder lockt bei schlechter Verwahrung Mäuse an, Reste halten sich und wir können in der Hitze kaltes Wasser trinken… Jetzt könnte ich auch deutlich länger in Puka Urku leben als nur fünf Tage am Stück 🙂

Ostern

Über Ostern war ich in Quito, wenngleich ich am Sonntag bereits wieder zurückkehren musste. Ostern ist in Ecuador ein ausschließlich christliches (vor allem katholisches) Fest, was nur denen etwas bedeutet, die religiös sind. Hasen, Eier, Süßigkeiten oder Geschenke gibt es hier nicht. Dafür Prozessionen (wie in Spanien), Gottesdienste und Kirchenkonzerte. Ich war bei der berühmten Karfreitagsprozession in der Altstadt dabei und fand es einerseits interessant, andererseits verstörend. Um Buße zu tun/ das Leiden Jesu nachzufühlen fügen sich viele Menschen selbst Schmerzen zu. Z.B. laufen viele auf dem heißen Plaster barfuß, manche schleppen schwere Kreuze, haben Fußketten um, peitschen sich selbst auf den Rücken, binden sich Kreuze aus Kakteen auf den nackten Rücken oder tragen andere Stachelpflanzen an sich…

Maria Statue die einmal durch die Stadt getragen wird

Später habe ich die traditionelle Suppe des Festes, Fanesca, probiert, in der jede der vielen Zutaten (Bohnen, Käse, Mais, Fisch, Empanadas, Eier, Kochbananen und und und) für einen anderen Apostel/ Jesus/ Maria steht. Ehrlich gesagt fand ich die Suppe echt ekelig, aber ich habe gehört, dass manche sie mit Erdnuss zubereiten, was bestimmt leckerer ist. 

Ansonsten gab es noch ein spirituelles Festival in dessen Ramen religiöse Konzerte stattfinden. Die meisten (unter anderm Barock Musik) gab es erst, als ich schon zurück war. Tatsächlich konnte ich jedoch zu einem gehen, was dann irgendwie aus der Reihe fiel und so gar nicht religiös war, maximal spirituell. Ich war aber echt positiv überrascht und mochte die Musik und Show sehr. Die Künstlerin heißt LaTorre… Hier ein paar Eindrücke: 

Heimweh vs. Vorweg-Heimweh meines neuen Zuhauses

Es ist eine sehr komische Mischung: Einerseits bekomme ich so langsam schon Sehnsucht, Freund*innen Und Familie wieder zu sehen, zuhause zu sein, deutsches Abendbrot zu essen etc., auf der anderen Seite fühle ich jetzt schon den Schmerz, so viele wunderschöne Sachen zurückzulassen. Ich weiß jetzt schon, was ich alles vermissen werde. Ich versuche die übrige Zeit so bewusst wie möglich zu genießen, aber melancholisch macht der Gedanke an Abschied mich schon. So viele Menschen, Orte und Gepflogenheiten sind mir ans Herz gewachsen und eine zweite Heimat geworden. Auf der anderen Seite freue ich mich auch schon auf mein erstes Zuhause… Es ist kompliziert.

Änderungen in der Englischschule in Tena

Auch in der Englischschule, die wir einmal die Woche besuchen, hat sich einiges geändert. Ehrlich gesagt halte ich bis jetzt von den Neuerungen aber nicht viel. Ausgangslage war, dass wir bereits seit fünf Monaten angesprochen haben, dass wir uns wenig nützlich fühlen: Die Lehrer*innen sind (weil es eine Privatschule ist) gut qualifiziert, die “Klassen” klein und der Unterricht gut. Wir können kaum helfen und hängen einfach nur die vier Stunden in der Schwebe. Mittlerweile habe ich extrem die Motivation verloren in die Englischschule zu gehen – Es ist wie selber Unterricht in einem Hassfach haben. Meistens ist es langweilig, ich kann nichts machen, sitze daneben oder wir gehen in den Park und spielen etwas/ essen Eis, was zwar nett ist, sich aber wie verschwendete Lebenszeit anfühlt. Geändert hat sich daran trotz vieler Gespräche, dass wir mehr einbezogen werden sollen, bis jetzt nie etwas. Ehrlich gesagt haben wir diesen Teil unserer Arbeit einfach irgendwann akzeptiert und ertragen ihn halt. Jetzt gibt es neue Sekretäre in der Schule, die extrem übermotiviert und gleichzeitig schusselig und ein bisschen planlos sind. Die neue Idee ist: Wir Freiwillige begleiten keinen Unterricht mehr sondern geben freitags extra-Workshops, in denen Schüler*innen das Thema der Woche vertiefen/ auffrischen/ üben können. Wir sollen also komplett allein unterrichten, was ich erst einmal als eine ganz schön große Verantwortung sehe. Und ja, vielleicht ist es egoistisch, aber mich stört, dass der Spaß ausgerechnet Freitag Nachmittag stattfinden muss. So dürfen wir nämlich Urlaubstage nicht mehr freitags nehmen und können auch nicht gut übers WE verreisen, da wir dafür schon mittags los müssten (nachts sollen wir nicht reisen)… Das schränkt total ein, vor allem, weil unsere Urlaubsregelungen eh total komisch sind und wir nur einmal in unserem Jahr viele (10) freie Tage am Stück nehmen dürfen. Wenn wir noch was vom Land sehen wollen sind wir also auf die Wochenenden angewiesen. Außerdem ist der Freitag durch die Änderungen übervoll, da wir zusätzlich auch putzen müssen, und Dienstag und Donnerstag haben wir fast nichts zu tun.

Letzten Freitag habe ich dann die ersten zwei Stunden gehalten, nachdem die Sekretäre wieder einmal alle Absprachen durcheinander gebracht hatten und bei einer zusätzlichen Sitzung zur Vorbereitung allen ernstes gezeigt haben, wie ich mir einen Stundenplan bei ChatGPT erstellen lassen kann, anstatt mir mehr Informationen dazu zu geben, welche Vokabeln etc. die Schüler*innen zu dem Thema bereits hatten. Zu meiner ersten Stunde kamen zwei ca. Fünfjährige, die sehr anstrengend waren und zu der zweiten dann statt den angemeldeten zwei Teenagern vier Schüler*innen, eine davon erwachsen und deutlich älter als ich. Und Überraschung: Das Thema konnten sie schon recht gut und all meine Planung war bereits nach einer halben Stunde durchgeführt. Deshalb sind wir danach in den Park und haben Englischspiele gespielt. Sinnvoll hat sich das ganze nicht angefühlt, aber ich will dem selber Unterrichten eine zweite Chance geben. Diese Woche war besonders hart für mich, weil ich die Möglichkeit gehabt hätte, das WE über einen Freund bei der Erkundung eines Vulkans zu begleiten, der ganz viele Wasserfälle in der Nähe hat. Das ging dann leider nicht, weil es schon nachmittags los ging. Mal schauen, wie es das nächste Mal in der Englischschule wird.

Präsidentschaftswahl

Am 13.4.2025 waren dann zum zweiten Mal Wahlen in Ecuador, diesmal eine Stichwahl zwischen dem derzeit amtierenden Präsidenten Daniel Noboa und Luisa González. In westlichen Medien wird sie gern als die linke und progressive Kandidatin und er als der eher konservative und rechte Kandidat dargestellt. Leider ist es nicht ganz so einfach. Wenn ich ehrlich bin weiß ich nicht, wen ich gewählt hätte, denn beide sind auf ganz eigene Weise problemaisch. Beiden wird (und das wahrscheinlich zurecht) Korruption vorgeworfen. González steht in enger Verbindung zum umstrittenen im Exil lebenden Ex-Präsidenten Rafael Correa, der einerseits in Bildung etc investiert und eine progressive Verfassung erlassen hat, andererseits die Pressefreiheit extrem eingeschränkt, Grenzen geöffnet und so den internationalen Drogenhandel ins Land gelassen und extreme Schulden gemacht hat, unter denen das Land immer noch stark leidet. Ecuador, einst eines der sichersten Länder Südamerikas, hat durch den Einzug der Drogenkartelle einen hohen Gewaltzuwachs erlitten. Während gemunkelt wird, dass die Partei von Rafael Correa und Luisa González heimlich Abkommen mit den Kartellen machen, greift Daniel Noboa hart und militärisch gegen Gewalt durch. Aber auch sein Vorgehen ist umstritten, etwa, weil trotz seiner Aktionen die Gewalt dieses Jahr ein neues Hoch erlitten hat. Außerdem tritt er sexistisch und rassistisch auf, ist selber reicher Geschäftsmann und sehr neoliberal eingestellt und sympathisiert mit Trump. Letztendlich hat er die Stichwahl gewonnen, und das wird hauptsächlich an seinem starken Kurs gegen Bandenkriminalität liegen. Viele Menschen, die ich kenne, mögen Noboa nicht, haben aber Angst, dass die Gewalt weiter steigt und noch mehr Regionen unsicher machen sowie Tourist*innen abschrecken wird. Ich finde es problematisch, dass sich die Bürger*innen hier zwischen zwei schlechten Optionen entscheiden müssen. Was wirklich fehlt sind Zukunftsperspektiven für das Land, aber es bleibt kompliziert. Bei den letzten Wahlen wurde ein Kandidat, Villavicencio, der Korruption offen anprangerte, erschossen. Er war eine zu große Bedrohung für das organisierte Verbrechen. Ich habe den Eindruck, man kann es gar nicht so hoch schaffen ohne Korruption. Und das macht mich traurig. Aber jetzt werden wir wohl erst mal abwarten, was Noboas verlängerte Amtszeit so mit sich bringt… 

Hier ein kleiner Blick in den Wahlkampf bei einer Diskussion der beiden Kandidat*innen (leider nur auf Spanisch gefunden, aber man bekommt trotzdem ein Bild der beiden… Das Thema ist, wie man das organisierte Verbrechen bekämpfen und Sicherheit garantieren will):

Zukunftsplanung

So lange bin ich leider nicht mehr in Ecuador deshalb denke ich viel darüber nach, was ich zurück in Deutschland machen werde. Studieren? Und wenn was? Momentan ist mein Favorit Soziologie aber mal schauen.

Poesie Workshop

Als ich in der Englischschule einen Aushang für einen kostenlosen Poesie-Workshop gesehen habe war ich sofort dabei. Leider kann ich wegen Puka Urku nicht zu allen sechs Sitzungen gehen, auch wenn ich manchmal nachmittags die 1-2 Stunden nach Tena fahre und am nächsten Morgen wieder zurück. Im Workshop analysieren und besprechen wir Gedichte zu jeweils einem anderen Thema. Ich war bereits bei Liebeslyrik, Kinderlyrik und Protestlyrik dabei. Leider habe ich die Sitzung über zeitgenössische Poesie verpasst. Auf Spanisch teilweise sehr alte Gedichte zu verstehen fordert mich noch einmal ganz anders heraus, aber ich bin glücklich, diesen kreativen Raum hier gefunden zu haben. Am Ende jeder Stunde machen wir eine eigene kleine Übung und das große Ziel ist es, nächste Woche an unseren eigenen Kreationen zu arbeiten und diese in einem Dokument gesammelt zu veröffentlichen. Ich bin schon gespannt, noch mehr von den anderen Teilnehmenden zu lesen.

Hier findet der Workshop statt
Besuch in der Liana Lodge/ AmaZoonico

Letztes Wochenende habe ich relativ spontan zwei Freiwillige in der Liana Lodge besucht und mir die Tierauffangstation AmaZoonico angeschaut. Wir hatten echt eine schöne Zeit! Hier ein paar Eindrücke:

Ozelot 🙂
Tapir

Weitere random Fotos der letzten Monate

Fazit

Alles in Allem geht es mir gerade echt gut. Wie schon erwähnt habe ich neue Energie und Lust das Land zu erkunden und meinen Freiwilligendienst bis zum Schluss zu genießen. Manchmal fühlt sich das Blog-Schreiben wie eine Einbahnstraße an – ich erzähle viel nach Hause, habe aber (bis auf meine engsten Menschen) keine Ahnung, was eigentlich dort so abgeht. Wie geht es euch so? Was beschäftigt euch zur Zeit? Und habt ihr vielleicht Fragen/ Anmerkungen/ Themenvorschläge etc. für meinem Blog? Lasst gern mal wieder von euch hören, ob in den Kommentaren oder Privat 🙂

Bis bald!

Halbzeit. Gedanken über die Rückkehr und mehr

So langsam schleicht der Tag näher, an dem ich die Hälfte meines Freiwilligendienstes hinter mir haben werde. Den Rückflug habe ich umgebucht, eingewöhnt habe ich mich schon lange und so langsam wird die Frage in meinem Hinterkopf immer drängender: Was mache ich danach? Wie geht es weiter?

Während ich mich einerseits damit auseinandersetzen muss, ob und was ich studieren möchte, kommen aber auch ganz andere Aspekte meines Lebens auf. Wo und wie will ich leben? Allein? In einer WG? Wie nah bei meinen Freund*innen und meiner Familie werde ich sein, wie will ich meine Freizeit verbringen und meine Beziehungen gestalten? Regelmäßige Freundschaftsdates und Familien Dinner? 

Gerade sehe ich so viele Möglichkeiten und freue mich zum Teil schon auf die neuen Erfahrungen, mich ins Studium-Leben hereinzuwerfen, Deutschland und Europa zu bereisen, endlich wieder Harfe spielen zu können, … Ich habe viel Vorfreude, gemischt mit ein paar Zweifeln und Unsicherheiten. Gleichzeitig spüre ich aber auch eine große Ungerechtigkeit. Denn meine Zeit hier hat mir (was ich davor bereits wusste, aber nie richtig nahbar spüren konnte) so richtig gezeigt: Ich habe das Privileg der Wahl. Ich habe das Privileg der Selbstverwirklichung, ich kann mich ausprobieren, scheitern und etwas anders ausprobieren. Wenn ich über meine Zukunft nachdenke, dann denke ich vor allem an mich und nicht als erstes an andere Menschen, die vielleicht von mir abhängen. Wenn ich wollte, könnte ich in Ecuador bleiben, und ein kleiner Teil von mir wünscht sich das. Wenn ich wollte, könnte ich in so gut wie jedem Land der Welt leben, es wenigstens bereisen, verschiedene Kulturen erleben und dazu lernen. 

Ich kann massig Kritik an unserer Deutschen Gesellschaft ausüben und diese Kritik ist auch berechtigt. Aber ich darf nicht vergessen, dass diese Gesellschaft mir eine Schulbildung ermöglicht hat, die trotz ihrer Schwächen so extrem gut war, dass sie meine Neugier nicht komplett verlöscht hat und mir die Werkzeuge, Fähigkeiten und das nötige Grundwissen gegeben hat, um mich selbst weiterbilden und somit diese Kritik überhaupt erst üben zu können. 

Ich lebe hier mit jungen Menschen zusammen, die so wundervolle, interessierte Charaktere haben und von den Möglichkeiten, die ich habe, nicht mal träumen können, weil sie ausserhalb ihres Vorstellungsvermögens liegen. Ich lerne die Bedeutung von Bildung an eigener Haut kennen. Was würden all diese jungen Menschen verändern können, wenn ihr sie zum kritischen Denken erzieht, ihren Horizont erweitert und Wissen zugänglicher machen würdet? Ich lerne die unterschiedlichen Arten von Armut und Reichtum, von Nötigem und Luxus kennen. Ich lerne, dass materieller Wohlstand paradox ist: Zu wenig macht genauso unglücklich wie zu viel und am Glücklichsten wird man wohl immer sein, wenn man ihn teilt. Der Mensch passt sich an sein Umfeld an. Letztendlich brauchen wir erstaunlich wenig zum Leben, während unsere typischen Bilder von Luxus mehr in Richtung protzige Uhren, Schmuck oder Autos gehen, ist eigentlich schon eine Spülmaschine, ein drittes Paar Schuhe, ein Hobby, ein Wochenendausflug in die nächste Stadt, Freizeit, ein Buch, ein Handrührgerät, ein Rückzugsort für sich selbst oder anhaltende Stromversorgung Luxus. Es ist Luxus, einen Beruf zu wählen, weil er einem Spaß macht, es ist Luxus, kündigen zu können, weil der Beruf einen mental belastet oder auslaugt. Es ist Luxus in einem Sozialstaat zu leben. Das sind einfach Privilegien, die nicht alle haben, auch wenn sie es noch so sehr verdient hätten. 

Wie schnell werde ich all dies im Alltag in Deutschland wieder verdrängen?

Wie schnell werde ich Ecuador vergessen?

Ich sehne mich nach Veränderung, persönlichem Wachstum und (zugegeben) einigem des Luxus, den ich in Deutschland haben werde. Und gleichzeitig will ich nicht fort. Manche Menschen sind mir hier dermaßen ans Herz gewachsen, dass ich sie nicht verlassen will. Genauso schmerzt die Vorstellung, einige Menschen aus meiner Heimat nicht baldmöglichst wiederzusehen. Ich habe mich so an die Natur, den Regenwald, die Langsamkeit, das leckere Obst und dieses ganz andere Lebensgefühl hier gewöhnt. Was will ich in einer Stadt, in einem Land mit Winter, in einem stressigen Alltag? Wie kann ich dieses Paradies hier verlassen? Wie kann ich nach so einem Jahr einfach wider einen „normalen“ Lebenslauf in Deutschland aufgreifen, daran anknüpfen, Studieren, Arbeit finden und weiterleben, als wäre nichts passiert? Wie kann ich meine Erfahrungen, was ich hier gelebt und gespürt habe greifbar machen, wie soll ich Menschen finden, die diese Erfahrungen teilen, verstehen können? Denn Fakt ist: Man muss hier gewesen sein, man muss hier gelebt haben, um es zu verstehen. Keine Worte der Welt können die Ambivalenzen beschreiben, die ich hier täglich spüre. Nein, Ecuador ist nicht einfach arm, aber von der Natur her reich, zersplittert und Opfer globaler ausbeuterischen Strukturen. Ecuador ist so viel mehr. Die Menschen hier sind so viel mehr. Es gibt Moderne und Tradition, Widerstand und Unwissenheit, starke Religiosität und sexuelle Freiheit, Sexismus und ein Selbstbewusstsein vieler Frauen, dass beeindruckt, Naturheilkunde und Pharmaindustrie, Handys an jeder Ecke und Stromausfälle, Klimawandel und Umweltschutz, emotionalen Reichtum und materielle Armut, materiellen Reichtum und emotionale Armut, Artenvielfalt und Massentierhaltung, es gibt Forschung, Lücken im Bildungssystem, Schulmilch, Black Friday und Wochenmarkt, Großzügigkeit, Kriminalität, Unverlässlichkeit, Entspanntheit, Abhängigkeit, familiäre Supportsysteme, Gefälligkeiten von Bekannten der Bekannten, Kapitalismus, kleine indigene Dörfer, Großstädte, Internet, Kolonialismus, globale Vernetzung, Wahlpflicht, Korruption, viel Polizei, eine der progressivsten Verfassungen der Welt (aber nur auf dem Blatt…), Umweltzerstörung, Tourismus, Rassismus, Klasszismus, Vereine, Parks, Second-Hand Läden, Reparaturwerkstätte, Plastik im Wald, der Traum vom westlichen Luxus mitten im Paradies der Natur und mehr. 

Endlos mehr.  

Es gibt so viel. So viel auf einmal, nebeneinander, wegen einander und trotz einander.   

Ich könnte Seiten darüber schreiben, wie ich mich hier fühle, wie ich mein Umfeld einschätze, wie ich die ecuadorianische Kultur erlebe. Ich könnte Seiten füllen, und es nicht so rüber bringen, wie ich wollte. All die Ungereimtheiten, Wiedersprüche, Gefühle. All die verschieden Aspekte. Und ich rede hierbei von meiner Perspektive. Meine Perspektive ist so dermaßen winzig im Vergleich einer komplexen Kultur mit so vielen verschiedenen Beziehungen, Charakteren, kollektiven Erinnerungen, Traditionen und Lebensrealitäten. 

Ich fühle mich ohnmächtig dabei, all das hier wiederzugeben. Mein Blog ist wie eine Skizze, die jede*r Leser*in mit eigenen Vorstellungen und Farben füllen wird. Vorstellungen, die wohl zum Großteil auf eigenen (Reise-)Erfahrungen und ansonsten (unbewussten) Klischees und Halbwissen basieren werden (wie meine Vorstellungen Früher und zum Teil immer noch auch). Ich spüre das Bedürfnis, meinen Alltag hier, dieses wundervolle Land anderen Menschen zu zeigen und habe gleichzeitig Angst vor der Verantwortung der Berichterstattung – denn auf irgendwas wirst du immer den Fokus legen müssen und irgendwas wirst du dabei immer verzerren oder weglassen. 

Ich will meine Learnings hier auch wenn ich zurück bin mit Anderen teilen. Ich will diesen Austausch, die Verbindung und das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen weiter fördern, ein Teil davon sein. Ich habe Angst, dass ich zurück komme, und Deutschland kaum noch wieder erkennen werde. Wie viel wird mir unnötig, verschwendet, überflüssig vorkommen? Was wenn ich die Menschen aus meinem Umfeld nicht mehr so gut verstehen kann – und sie mich nicht? Wir haben ja alle ein Jahr in verschiedenen Realitäten gelebt… 

Ich frage mich, wie schnell ich Ecuador aus meinen täglichen Gedanken verbannen werde – und was schlimmer wäre: Das Vergessen/ ins Hintergrund rücken oder das ständige Fern(Heim-?)weh nach einem Land, was nicht meine Heimat ist, mir aber dennoch ein Zuhause geboten hat. 

Kann ich nach so einem Jahr zurück kommen ohne politisch aktiv zu werden?

Wie schnell werde ich mich wieder an Luxus und eine kapitalistische Wegwerfgesellschaft gewöhnen?

Will ich mich überhaupt wieder daran gewöhnen?

Es klingt für mich selbst übertrieben, aber ein bisschen fühle ich mich wie eine Romanheldin, die feststellen wird, dass nach ihrer Rückkehr sich nicht nur sie selbst, sondern auch ihr ehemaliges Umfeld verändert hat und es nie mehr sein wird wie früher. Dass da eine kleine innere Distanz bleibt, die durch unterschiedliche und nicht zusammen erlebte Erlebnisse zustande kam. Andere Perspektiven und Denkmuster, die sich schwer erklären lassen. Der Frust, nicht verstanden werden zu können…

Und auf der anderen Seite denke ich mir auch wieder: Was für ein Quatsch. Es gibt neue gemeinsame Erlebnisse mit alten und neuen Bekanntschaften, Austausch, Gespräche und auf jeden Fall auch Menschen, die ähnliches erlebt haben und connecten können. Und ich freue mich auf diese Zeit genauso sehr wie auf meine zweite Hälfte Freiwilligendienst in Ecuador. 

Eindrücke aus meinem Leben (Okt.-Nov.)

Es schockt mich selbst ein bisschen, wie schnell die Zeit verflogen ist. Da es unmöglich ist, wirklich alles wiederzugeben, was in den letzten beiden Monaten passiert ist, versuche ich es gar nicht erst. Aber ich gebe gern ein paar Einblicke und picke die ein oder andere Sache heraus 🙂

Highlights der letzten Wochen

  • Mein Geburtstag:

Wie zu erwarten war mein Geburtstag dieses Jahr anders als sonst. Tatsächlich ist unter den Studierenden hier Geburtstag gar kein so großes Ding, weshalb wir Freiwilligen uns ein bisschen selber organisieren. Schon am Tag davor habe ich den traditionellen Geburtstagskuchen meiner Familie gebacken, den Hübschen Bunten, (Dank geht raus an Mattis, der mir Rote-Grütze-Pulver und Vanillepuddingpulver mitgebracht hat!). Der Tag selber war dann relativ entspannt. Tatsächlich war sogar am 11.10. ein Feiertag, was uns leider trotzdem nicht vom Putzen befreit hat. Morgens habe ich erst einmal lecker mit Mara und Mattis gefrühstückt und dann meine Aufgaben erledigt. Mittags habe ich mit Mattis gekocht und entspannt gequatscht. Der Nachmittag war echt schön, wir sind zum Fluss gegangen und waren baden (und wer wollte hat Fußball gespielt). Mein Geschenk an mich selbst war eine riesige Avocado, aus der ich Guacamole gemacht und die ich komplett allein weg gesnackt habe 🙂 Abends sind wir dann noch gemeinsam feiern gegangen, was auch echt lustig war (und ich kann Bachata immer noch nicht…). Insgesamt war es einfach ein schöner entspannter Tag und ich habe es echt genossen.

Geschenke aus der Heimat…
Geburtstagskuchen 🙂
Am Fluss

  • Ausflüge und meine erste Reise (Laguna Yani/ Gran Canyon/ Latacunga – Laguna Quilotoa – Baños):

Nach und nach entdecke ich auch andere Ecken Ecuadors als Tena. Darüber habe ich auch schon diesen Beitrag mit Video erstellt.

  • Erstes inoffizielles Zwischenseminar:

Anfang November haben wir uns mit unserer Mentorin und den Freiwilligen der Region für ein Wochenende in einer wunderschönen Lodge am Fluss getroffen und ein bisschen über unseren bisherigen Aufenthalt in Ecuador reflektiert. Es war echt schön, die anderen wiederzusehen, sich auszutauschen und gemeinsam Spaß zu haben. Ein Learning, was wir glaube ich alle hatten, war, dass jede*r hier schon Schwierigkeiten, Probleme oder schlechte Tage hatte, auch wenn auf Instagram alle immer so glücklich mit ihrem Einsatz wirken.

  • La Isla:

Ich war das erste mal auf der Isla in Tena, die zwischen den Flüssen liegt. Ich wusste gar nicht, dass man mitten in der Stadt so im Regenwald sein kann. Unter anderem habe ich eine mini-Bibliothek gefunden, wo ich mir auch ein Buch ausgeliehen habe (mal schauen, ob ich das auf Spanisch verstehe), das Tapir gesehen, was mir auch gefolgt ist und wunderschöne Ruinen entdeckt. Ach ja, und Affen waren auch da… Davor habe ich mir mal wieder mein Lieblings Frozen Joghurt gegönnt 🙂

Mingas/ Arbeit:

Neu gelernte Wörter (nur ein paar Beispiele):

suave - weich
tenedor - Gabel
rastrillo - Harke
mija - lokales Wort für “Kumpel”
zapatilla - Latsche/ Flipflop
achachay - lokaler Ausruf, wenn man z.B. friert (¡Achachay, qué frío!) oder sich aus Versehen nass gespritzt hat
chupete - Lolli
ají - Chili

Tiere und Pflanzen, die mir begegnet sind:

Zuhause

Habe eine Heimat gefunden
In Menschen
Weit weg von zuhause
Und ich weiß nicht mehr
Wie es ohne euch ging
Mein Herz ist gespalten
-zwei Länder
-zwei Kulturen
-verschiedenste Menschen
Und beides fühlt sich vertraut und doch entfremdet an

Werde hier nie ganz zugehören
Immer das Fremde an mir tragen
Und doch werde ich zurückkommen und wissen:
Das Deutschland, wie ich es vorher kannte,
Das existiert nicht mehr
(Existierte nie)

Mein Blick weitet sich
Und ich fange an Auszumisten,
Rein zu zoomen,
Raus zu picken;
Suche mir aus,
Was mir gefällt
(Avocados, Weihnachtsmärkte, Wasserfälle, Altstädte, Zuverlässigkeit, Spontanität, Kochbananen, Regenwald, Buchläden, Poetry Slams, freie Unis, Straßenbahn, Moto-Taxis, niedrige Preise, Freundlichkeit)

Werde mich nie entschieden
Und immer vermissen,
was jeweils fehlt.

Werde mich nie entscheiden
Und immer genießen,
Was ich gerade hab.

Werde mich nie entschieden,
Denn in der Ferne lerne ich Erkennen,
Was deutsch-sein bedeutet
Und lege gleichzeitig
Stückchenweise mein deutsch-sein ab.

Zuhause
Ist kein Ort mehr,
War es vielleicht nie.
Zuhause ist ein Mosaik,
Ein Bild aus Splittern,
Orte, Momente, Erinnerungen
Menschen, die in meinem Herzen wohnen
Traditionen, Routinen, offene Arme…

Zuhause ist wissen
Ich bleib immer ich
Und das ist genug

Alltag in Puka Urku:

Ausblick

Insgesamt ist die letzten Monate viel passiert und einiges davon habe ich noch nicht erzählt. Z.B. wollte ich eigentlich zum weltwärts-Tag nach Quito, was allerdings wegen Straßenblockaden nicht ging. Außerdem wird langsam Weihnachten, was sich in der Kombination mit Hitze und Regenwald für mich komisch anfühlt. Über all das berichte ich hoffentlich bald. Bis dahin!

Hannah/ Amanda

Reflexion (schon ein Monat hier…)

Seit einem reichlichem Monat lebe ich jetzt schon in Ecuador und ich kann mir meinen Alltag in Deutschland bereits gar nicht mehr vorstellen. Die letzten Wochen sind unglaublich schnell verflogen und doch fühlen sie sich an wie eine Ewigkeit. Ich habe mich an so vieles hier gewöhnt und trotzdem probiere ich immer wieder neue Sachen aus, lerne dazu und wachse über mich hinaus. Diese Woche kommt dann auch endlich der dritte Freiwillige nach und wir werden immer zwei Leute im Pakashka Sacha auf einmal sein, während der*die Dritte nach Puca Urku geht. Darauf freue ich mich schon, ich hoffe, das wird cool. Mara und ich sind im letzten Monat echt eng geworden, was ich so schnell und so extrem nicht erwartet hatte, mich aber sehr freut. Wir teilen basically alles: Gedanken, Klamotten, Schmuck, unsere Gefühle, Crushs, Geld, Chips, Rucksäcke und manchmal sogar mein riesiges Bett, wenn bei Mara wieder ein riesiges Insekt im Zimmer ist und sie sich nicht traut, es zu betreten…

Mittlerweile ist mein Spanisch auch schon besser geworden, ich kann mich verständigen und mehr oder weniger tiefe Gespräche führen. Langsam baue ich Beziehungen zu den Menschen hier auf, freunde mich mit den Studierenden an und habe die Namen der meisten Kinder der Schule im Kopf (außer Jaison, Jaiden und Jaidan, die kann kein Mensch auseinanderhalten). Das Leben hier ist zu einer neuen Routine geworden und ich genieße diesen Alltag sehr. Während ich letzten Monat mein Hobby Lesen echt schleifen lassen habe (Mangel an Büchern und so viele andere Eindrücke), bin ich dafür wieder öfter zum Schreiben gekommen. Falls es euch interessiert, findet ihr im Folgenden noch ein paar random Eindrücke der letzten Wochen…

fremd 

Jeden Tag
Ein neues Fettnäpfchen
Lotse die Grenzen aus
Manchmal zu viel
Manchmal zu wenig
Das Bauchgefühl,
Das kommt noch

Drehe mich in Kreisen
„Yo soy Amanda. Soy de Alemania.”
Essen, schlafen, arbeiten
Zum zehnten Mal vergessen,
Was „riechen“ auf Spanisch heißt
Gesprächsbrocken sickern in mein Gehirn
Ich nicke einfach und lächle
Warum das witzig war,
Verstehe ich später
(Manchmal)

Super easy going
War noch nie so extrovertiert
Hab keine Wahl,
Muss halt irgendwie
Die selbstgebauten Mauern einreißen
Und fragen, fragen, fragen
Scham kann ich mir nicht leisten
Noch bin ich lost
Noch bin ich fremd
Und weiß nicht wie die Dinge laufen
Noch…

Alltag

Mein Alltag ist sehr davon bestimmt, ob ich gerade in Puka Urku bin und in der Grundschule helfe (mehr dazu im Artikel über meine ersten Wochen dort) oder im Pakashka Sacha lebe, viel putze, koche, Arbeiten am Haus mache, Zeit mit den Studierenden verbringe, einkaufen gehen kann, Englisch Einzelunterricht gebe, die Hunde füttere und einmal die Woche in der Englischschule in Tena den Unterricht begleite und mit den Schüler*innen ein bisschen auf Englisch quatsche.

Alltag im Pakashka Sacha:

Im Markt einkaufen…

Alltag in Puka Urku:

sin ti

Alles anders
Und doch irgendwie gleich
Essen, schlafen, atmen
Die Tage verrinnen
Und ich vermisse Käsebrot
Vermisse Straßenbahnen
Vermisse dich

Zwischen uns
Nur ein Ozean -
Nur ein Jahr -
Nur ein Anruf -
Zwischen uns
So viel Luft

Am anderen Ende der Welt
Ein leises Atmen
Bist du das?
Hörst du mich?
Die Leitung stockt
Lass sie niemals -
Lass sie nie abreißen

Wie geht es dir?
Ich starre auf das Handy
Und versuche deine verpixelten Gesichtszüge zu lesen
Eine Woche kein Update
Lebst du noch?
Nicht existieren,
Ich meine leben,
So richtig leben…

Fremde Wörter
Verlassen meinen Mund
Vermische die Sprachen
Zu einer neuen
Zu meiner eigenen
Versteht ihr mich?
(Sprachbarriere)

Überwinde Mauern
Und schaffte neue Grenzen
In Gedanken immer an deiner Seite
Deine Stimme in meinem Kopf
-Hörst du mich auch?
Deine Stimme in meinem Kopf…
Das ist alles, was ich brauch

Highlights

Während der letzten Wochen gab es so viele Highlights, dass es mir schwer fällt, alle zusammenzukriegen. Immer wieder schön war es baden zu gehen – egal ob im Fluss bei Puca Urka, in Pano oder an anderen Badestellen. Einmal war ich mit einem der Studenten bei einem echt schönen Wasserfall schwimmen, dass war schon magisch. Generell bleibt die Natur einfach ein Highlight für mich. Jeden Tag wache ich im Regenwald auf und kann es selber kaum glauben. Es ist unfassbar schön hier und ich genieße es, morgens den Nebel über den Bäumen zu beobachten und abends zu den Geräuschen des Waldes einzuschlafen.

Baden 🙂
Durch den Bambuswald
Ganz normale Landschaft beim Bus fahren 🙂
Einfach jeden Tag im Dschungel aufwachen und einschlafen…

So langsam komme ich an den Punkt, an dem sich erste Routinen eingeschliffen haben und ich nicht mehr komplett lost bin. Die Momente, wenn ich z.B. mit dem Bus nach Tena fahre und weiß wo ich bin sind echt schön. Es ein gutes Gefühl, Orte wieder zu erkennen und sich langsam auch in der Stadt heimischer zu fühlen. Ich erkenne Graffitis, Läden, Restaurants und den einen lustigen Mülleimer, der wie eine Ente aussieht, wieder und weiß, wo ich was bekomme, es gutes Eis mit Käse gibt und welche Marktfrau immer ein paar Früchte zum Einkauf dazu schenkt (und das süßeste Lächeln überhaupt hat)…

in Tena unterwegs…

In den letzten Wochen hatte ich zudem ein unglaublich positives Körpergefühl. Im Regenwald mit nur den paar Sachen, die ich aus Deutschland mitgenommen habe, gibt es bei mir im Moment sowieso keine krassen Outfits, aber das ist okay so. Die meisten Menschen laufen hier eher entspannt rum. Es tut unglaublich gut, dass ich ausnahmsweise mal nicht immer die Kleinste von allen, sondern totaler Durchschnitt von der Größe bin. Täglich begegnen mir sogar Leute, die noch kleiner sind. Und auch vom Gewicht fühle ich mich hier sehr viel normaler – mein Eindruck bisher ist, dass Kurven hier eher als attraktiv gelten als super dünn zu sein. Auf den Straßen sehe ich viele Menschen, die irgendwie in der Mitte sind – weder extrem schlank, noch extrem dick. Und das tut gut, den ich finde, so sollte es sein. Warum ist in Deutschland der Druck auf junge Frauen so allgegenwärtig, in ein bestimmtes Schönheitsideal hineinzupassen?

Ein weiteres Highlight ist die Zeit, die ich hier mit anderen Menschen verbringe. Abends machen wir im Pakashka Sacha manchmal Lagerfeuer oder spielen Spiele. Auch wenn ich immer noch mehr tiefe Gespräche führen könnte, haben sich dennoch einige schöne ergeben, die mir viel Spaß gemacht haben. Manchen Studierenden bringe ich zudem ein bisschen Deutsch bei, was echt lustig ist (Ich wusste nicht, dass „achtzehn“ und „schwarz“ so schwer auszusprechen ist…). An einem Abend sind wir zu dritt tanzen gegangen, was echt cool war, auch wenn ich Salsa, Bachata und die anderen Tänze hier noch nicht ganz verstehe… Mit Mara verbringe ich auch viel Zeit, wir reden über alles und tauschen uns aus. Letzte Woche habe ich sie zum Tattoo Stechen begleitet und ihre Hand gehalten. Ich genieße es sehr, jemanden zu haben, die in der gleichen Situation steckt, auch ein riesiges Chaos im Leben hat und mit der ich diese Erfahrungen hier teilen und gemeinsam erleben kann.

In Puka Urku bin ich immer wieder beeindruckt von der Gastfreundschaft der Menschen. Alle sind super lieb und jedes Mal schenkt mir die Familie des Chefs irgendetwas – Kochbananen, Papayas oder andere Früchte. Auch die Kinder sind super süß und anhänglich, sie reißen sich darum, meine Hand halten zu können und haben mir Blumen gepflückt. Es macht mich total dankbar, wie hilfsbereit die Leute sind und wie sie mir immer wieder beistehen. Vorgestern habe ich aus Versehen ein halbes Großfamilientreffen ausgelöst, weil ich Hilfe brauchte beim Gas Anschließen, es Probleme gab und die ganze Familie versucht hat mir zu helfen. Aber auch generell habe ich das Gefühl, dass die Menschen in Ecuador im Schnitt freundlicher sind. Überall auf der Straße grüßen sich Leute, wenn du in einen Laden gehst und die das, was du suchst, nicht haben, empfehlen sie „die Konkurrenz“ weiter und wenn du nach deinem Bus rennen musst, kannst du sicher sein, dass er anhalten und auf dich warten wird.

Ein weiteres Highlight ist der Tee, der aus der lokalen Guayusa Pflanze gewonnen wird und aufgrund verschiedenster Inhaltsstoffe trotz hohem Koffeingehalt sehr gesund ist. Guayusa schmeckt ein bisschen wie Schwarztee oder Mate, ist jedoch nicht bitter und mit Zucker echt lecker. Von der Indigenen Bevölkerung wird und wurde der Tee für alle möglichen Rituale genutzt und z.B. vor der Jagd getrunken, weil die Pflanze wach und konzentriert macht. Im Pakashka Sacha ist der Tee beliebt, um sich beim (späten) Lernen besser konzentrieren oder die ganze Nacht durchfeiern zu können…

Guayusa 🙂
Bin jetzt auch in die Produktion eingestiegen 😉 Trockne einige Guayusa Blätter in Puca Urku

Ein weiterer Aspekt meines Lebens hier, den ich einfach nur liebe, ist die Musik. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel (verschiedene) Musik gehört. Egal ob jemand in der Küche Salsa anmacht, alte ecuadorianische Balladen, Spanischer Rap, Pop, Indie, meine und Maras deutsche Musik, die auch wieder alle Stimmungen und Genre umfasst, englische Lieder usw…. Mein ganzer Alltag ist von Klängen auf verschiedensten Sprachen erfüllt und ich entdecke viele neue Lieder. Was ich total genieße, ist, dass ich wirklich allen möglichen Deutsch-Rap beim Putzen laufen lassen kann, den ich will – und niemand kann sich beschweren, dass die Texte zu politisch, queerfeministisch etc. sind, da sowieso niemand versteht, worüber gesungen wird. Es tut mir total gut, neben Spanischer vor allem Deutsche Musik zu hören – Spanisch ist jeden Tag in meinen Ohren, da ist es angenehm, auch mal wieder was so richtig zu verstehen zu können. Ich entdecke jedoch auch spanische Musik und lokale Künstler*innen für mich.

ein entspannterer Song von einer ecuadorianischen Gruppe, den wir oft hören
ein älterer spanischer gesellschaftskritischer Rocksong, den ich irgendwie sehr mag… hat mir einer der Studenten empfohlen, was besonders ist, da die Mehrheit der Leute, denen ich bis jetzt begegnet bin, sehr wenig politisches Interesse gezeigt hat
deutsches Lied, dass ich für mich entdeckt habe

Last, but not least, ist auch das Essen immer wieder ein Highlight. Ich vermisse ein paar Sachen aus Deutschland (Brot, passierte Tomaten, guten Käse und alle möglichen Milchprodukte (saure Sahne, Quark, …)), aber insgesamt ist das Essen hier echt lecker. Meine neuen Lieblingssnacks sind Chips aus Kochbananen und geröstete Erdnüsse. Die Chips habe ich auch schon ein paar mal selber gemacht 🙂

Mangos waren bis jetzt enttäuschend (irgendwie habe ich immer nur überreife abbekommen), aber ansonsten ist das Obst hier echt gut. Ich liebe die immer perfekt reife Ananas, die vielen Maracujas und vor allem das Fruchtfleisch der Kakaopflanze. Ein paar mal habe ich mir schon eine ganze Avocado nur für mich gegönnt und Guacamole pur gelöffelt… Aber auch die Studierenden können zum Großteil echt gut kochen und ich freue mich immer wieder wenn die Essensglocke läutet 😉

Wie geröstete Mandeln, nur mit Erdnüssen
Kochbananenchips

(Realitätscheck, Sprung ins warme Wasser, …)

Die Veränderung kam
So abrupt
Dass ich sie kaum merkte

Von heute auf morgen
Neuer Alltag
Neue Sprache
Neuer Name
Neue Persönlichkeit
-und doch fühlt sich alles normal an

Mein altes Ich erkennt mich nicht mehr
Aber ich fühle mich authentischer als je zuvor

Einmal das Leben wechseln,
Der Sprung ins kalte Wasser
Um zu merken, dass es angenehm warm ist
(Fast tropisch)

All die Bibliotheken in meinem Kopf
Auf einmal nutzlos
Fange bei den Basics an:
Machete schleifen
Huhn ausnehmen
Zitronengras pflücken und Tee draus machen
Bussystem verstehen
Smalltalk führen
(Simply living)

Du kannst nicht overthinken,
Wenn du die andere Person eh nicht checken wirst
Du kannst nicht zu schüchtern sein,
Weil wenn du nicht fragst, bekommst du nie, was du brauchst
Du kannst nicht peinlich berührt sein,
Denn bei der Anzahl der Fettnäpfchen, in die du trittst, verlierst du den Überblick
Du könntest dich zurückziehen,
Aber dann wärst du allein
So richtig
Allein

Habe vergessen,
Wie man integriert
Zwölf Jahre Schule zerbröckeln zu Staub
All meine Pläne und Listen verpuffen
Lebe nur von Tag zu Tag,
Woche für Woche
frei -
Und doch gebunden
Neuer Alltag, neue Regeln
Routinen schleifen sich ein
Und langsam realisiere ich:
Es gibt auch ein Morgen
Das ist kein Traum
Der bald verfliegt
Das hier ist echt
Und diese fremde Person,
Die ich hier bin,
Das bin ich

Challenges

Eine große, aber bestandene Challenge war vor ca. 2 Wochen. Samstags bin ich so gegen 7:30 Uhr mit der Nachricht meiner Mentorin aufgewacht, dass eine Freiwillige aus einem andern Projekt, die gerade in Tena Urlaub macht, heute Morgen mit Übelkeit und Kreislaufproblemen aufgestanden ist und niemand gerade in der Stadt ist, der ihr helfen kann. Deshalb war die Frage an mich, ob ich sie vom Hostel abhole und zum Arzt begleite… Hab ich dann auch gemacht (hat mich insgesamt den ganzen Vormittag gekostet, was ohne richtiges Frühstück schon ein bisschen hart war) und dabei das Krankenhaus kennengelernt, zu dem ich auch gehen muss, falls mal was ist. Die Kommunikation mit unserem kleinem Niveau an spanischen Gesundheitsvokabular war etwas schwierig, aber irgendwie haben wir es geschafft… Unter anderem hat die Ärztin auch Blut- und Urinproben gemacht, um ausschließen zu können, dass es sich um Dengue handelt (war es zum Glück nicht). Der Armen ging es richtig schlecht und ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, als ich sie mittags dann wieder allein im Hostel lassen musste…

Im Wartezimmer…

Was mich wirklich herausfordert sind die ständigen Stromausfälle seit zwei Wochen. Grund dafür ist die Wasserknappheit in Ecuador, da somit weniger Strom mit Wasserkraft gewonnen werden kann (mehr dazu erfahrt ihr hier). Dadurch fühle ich mich manchmal ein bisschen abgeschnitten und kann, wenn ich gerade Freizeit habe, nicht mit Freund*innen oder nach Hause kommunizieren, genauso wenig wie alles andere machen, wofür man Internet braucht (Nachrichten schauen, Blog schreiben, Duolingo und Babbel üben, Spanische Wörter schnell nachschlagen, Warmwasser im Haus anstellen …). In Puca Urku ist der Empfang von mobilen Daten besser, dafür ist es abends mit nur Kerzenschein allein im Haus recht abenteuerlich. Zwischenzeitlich hatte ich sogar kein Leitungswasser und musste immer erst mit dem Eimer in der Nähe vom Haus welches holen gehen. Langsam gewöhne ich mich daran, aber leicht ist mir das nicht gefallen. Vor allem, weil die ersten drei Wochen alles so gut funktioniert hat, dass ich mich an diesen Luxus gewöhnt habe. Im Pakashka Sacha kann ich sogar über eine Haus-App das Warmwasser anstellen (finde ich immer noch krass) und das WLAN ist normalerweise (wenn Strom da ist, haha…) auch sehr gut.

Mit dem Klima und den Insekten komme ich besser klar, als erwartet. Trotzdem nerven die vielen Mücken- und Sandfliegenstiche (Insektenspray mehrmals am Tag hilft nur bedingt) und an manchen Tagen ist es schon irre heiß. Nachts kühlt es in der Regel ziemlich stark ab, sodass ich morgens sogar manchmal meine Strickjacke brauche. Gefährliche Tiere sind mir bisher noch nicht begegnet, aber ich konnte schon ein paar interessante Insekten und Frösche finden (einmal sogar eine Fledermaus). Ein Problem war das bisher aber nie. Nur einmal ist beim Kochen aus dem Nichts ein Frosch gegen den heißen Topf gesprungen und durch die Hitze gestorben. Der Arme…

Es ist kein riesiges Problem, aber dennoch immer wieder eine Challenge: Spanisch. In den letzten Wochen habe ich unfassbar viel dazu gelernt und vor allem meine Scheu, einfach los zu reden, komplett abgelegt. Dennoch war es in den ersten Tagen auch etwas isolierend, wenn ich z.B. nicht verstehen konnte, was gerade am Tisch geredet wird. Es kostet viel Energie, immer und immer wieder nachzufragen, die Wörter zu wiederholen und vor allem nicht aufzugeben, wenn man schon wieder diese eine Vokabel vergessen hat (Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich die Vokabeln „Schatten“, „Geschmack“, „riechen“ und „nass“ die letzten Wochen gelernt und wieder verloren habe…). Langsam wird es jedoch besser und ich fange sogar an, lokale Wörter und Redewendungen zu verstehen und teilweise zu übernehmen. In der Schule habe ich das spanische Spanisch gelernt, hier brauche ich das lateinamerikanische Spanisch, in dem es viele andere Worte für die gleiche Sache gibt. Dazu kommen Ausdrücke, die nur in Ecuador oder sogar nur in dieser Region existieren und der Slang, den einige der Studierenden benutzen und der viele Synonyme für „Kumpel“ sowie einige Flüche beinhaltet… 😉

Gerade am Anfang war es für mich durch die Sprachbarriere zudem schwierig, tiefe Gespräche zu führen. Deep Talk ist mir sehr wichtig, da er irgendwie zu meinem mentalen Wohlbefinden beiträgt. Ich blühe selten so auf, wie wenn ich in eine angeregte Diskussion vertieft bin und nicht bemerke, wie die Zeit vergeht. Mittlerweile konnte ich in einem der Studierenden und in Mara gute Gesprächspartner*innen finden und natürlich kann ich auch immer mit Freundinnen telefonieren. Es haben sich schon einige gute Gespräche ergeben, was mich sehr glücklich macht. Dennoch muss ich manchmal nach diesen Gelegenheiten sehr aktiv suchen. Der Eindruck, dass die Mehrheit der Menschen hier nicht sehr politisch interessiert ist und eher selten über Gott und die Welt philosophiert, hält sich leider bis jetzt. Dennoch gibt es natürlich Ausnahmen. Und manchmal muss man einfach ein bisschen länger bei einer Person nachbohren oder Themen einfach wie selbstverständlich ansprechen, um doch noch interessante Perspektiven zu hören…

(Versetzt, Deep Talk, geghosted, …)

Komplett lost
Warte und warte
Chat Verlauf neu laden
-keine Nachricht-
Meine Erwartungen zerbröckeln
Genauso wie mein Stolz
Ein kleines Häufchen
Ist was bleibt

Brauche dich
Brauche ihn
Brauche sie
Brauche euch
Denn ohne Deep Talk fühle ich mich leer
Gespräche und Diskussionen:
Meine Luft zum Atmen,
Denn immer nur performen
Ist anstrengend

Habe gedacht,
Du wirst antworten,
Habe gedacht,
Er wird dazukommen,
Habe gedacht,
Sie wird zurückrufen,
Habe gehofft
Ihr lasst mich nicht allein
Mit meinen Gedanken
Aber jetzt werde ich sie wohl niederschreiben

Jede angeregte Unterhaltung
Ein Geschenk
Vermisse es
Vermisse euch
Einfach los reden
(Keine Sprachbarrieren)
Entspannen
Treiben lassen
Bis in die Nacht
Gedanken tauschen
Ankommen
weg sein
lebendig fühlen
-ich-
Die Sonnenuntergänge hier sind immer wieder schön, man muss die Fotos nicht mal bearbeiten, damit sie so aussehen…

Die größte Überraschung

Tatsächlich hat die größte Überraschung für mich nichts mit der fremden Kultur, dem neuen Alltag oder der Natur hier zu tun, bzw. nur indirekt. Die größte Überraschung bin ich selbst. Ab dem ersten Tag hier kommen neue Facetten meines Charakters hervor, ich hätte nie gedacht, wie schnell und wie stark ich mich verändern würde (oder vllt hat all das schon ewig in mir geschummert?). Wenn ich versuche mich von Außen zu betrachten, bekomme ich fast den Eindruck, Hannah und Amanda (ich nenne mich hier mit meinem Zweitnamen, weil der leichter auszusprechen ist) sind zwei verschiedene Persönlichkeiten, obwohl ich mich immer noch wie ich selbst anfühle. Ich bin extrovertiert, rede mit fremden Menschen, probiere Dinge aus, von denen ich dachte, sie könnten mir nie gefallen, ich habe mein Schamgefühl abgelegt – egal ob es darum geht, auf einer fremden Sprache trotz Wortlücken und Grammatikfehlern einfach loszureden, zu fragen, wenn man Hilfe braucht/ was nicht versteht oder kein Thema als Tabu zu verstehen. Ich habe schon spanische Gespräche über Brillenoptik, die NS-Zeit, Weihnachtstraditionen, toxische Männlichkeit, Schlafprobleme, gendersensible Sprache, Religion, Verhütung und Abtreibung, Klimawandel, Korruption, Indigene Kultur(Verluste), Kräuterbeete und anderes geführt. Dafür braucht es viel Zeit, Geduld und einen online Übersetzer, aber irgendwie geht es, wenn man sich traut. Und ich traue mich.

Ich habe das Gefühl, alle Sorgen und Bedenken vor meiner Ausreise sind nicht mehr da. Ich fühle mich sicher hier (mein Tropenarzt sollte lieber nicht wissen, wie bedenkenlos ich hier Essen probiere und auch sonst viele der unmöglich umsetzbaren Tipps nicht mache…) und denke kaum an Morgen. Overthinking gibt es nicht, eigentlich lebe ich nur im Moment und ergreife jede Chance, die sich mir bietet, außer mein Bauchgefühl sagt nein. Und bis jetzt konnte ich dadurch echt schöne Momente aller Art genießen. Wenn ich Nähe brauche, suche ich sie mir, wenn mir jemand etwas anbietet, nehme ich es an, wenn ich Lust auf etwas habe, dann tue ich es einfach.

Ich glaube, ich habe unfassbar Glück mit meiner Einsatzstelle, die wirklich cool ist und sehr viel Abwechslung bietet. Ich profitiere total davon, dass ich immer abwechselnd eher mit Gleichaltrigen zusammen lebe oder halt alleine bin und Zeit für mich habe. Dadurch kann ich meine soziale Batterie gut aufladen und echt alles genießen, was so auf mich zukommt. Ich weiß wirklich nicht, was noch die nächsten Monate passieren wird, auf einmal scheint alles möglich zu sein.

jetzt & hier

Mein Leben
Nur noch im Moment
Tage verschwimmen - kein gestern, kein morgen
Ein paar Wochen ein Leben
Ein Leben ein Tag

Facetten verschwimmen
Werde zum Mond
Wandelbare Form
-alles fließt
Vergesse wer ich war
Und komme doch wieder zurück
Mit jedem Zyklus
Ein neues Ich
Lasse los und halte fest
Atem

Jetzt und hier
Der Morgen fern
Zeit umspült mich
Hoch und Tiefs…

Bis auf diesen Moment
Verschwimmt alles
Die Zukunft nicht da
Vergangenheit verblasst
Wer bin ich?
Ich schau mich an
Und weiß es nicht
(Nicht mehr)
-aber auf einmal ist es mir egal

Ausblick

Bis jetzt gefällt es mir echt gut in Ecuador und ich bin extrem froh, genau jetzt genau hier zu sein. Die im Vorbereitungsseminar „Vollkornbrotphase“ genannte Tiefzeit, in der wir Deutschland vermissen und es nicht so gut läuft, kam bei mir noch nicht. Auch Heimweh hatte ich bis jetzt erstaunlich wenig. Natürlich gibt es auch mal schlechte Tage und ich vermisse es z.B. Harfe spielen zu können, aber alles in allem bin ich hier sehr glücklich. Ich hoffe das bleibt so, aber irgendwann wird es wohl auch mal kippen und das ist okay. In diesen Momenten kann ich mich dann an all die schönen Erfahrungen erinnern, die ich bis jetzt schon sammeln durfte 🙂

Bis bald!

Hannah/ Amanda

Erste Tage in Puka Urku

Neben unserem Alltag im Pakaskha Sacha sind wir regelmäßig in der kleinen Communidad Puka Urku und helfen in der Grundschule mit. Dabei wechseln wir uns immer ab – gerade bin ich hier und vorletzte Woche habe ich auch schon im Dorf verbracht. Das Leben und die Aufgaben hier bringen noch einmal ganz andere Facetten in unseren Freiwilligendienst und ich bin echt begeistert, wie vielseitig unser Projekt insgesamt ist. Während sich das Pakashka Sacha für mich mittlerweile schon fast wie Zuhause anfühlt, fordert mich das Leben in Puka Urku mehr heraus. Bis jetzt habe ich hier sowohl echte Höhepunkte, aber auch schwierige Momente erlebt. Da wir nur innerhalb der Woche (Mo. – Fr.) und das auch nur abwechselnd da sind, habe ich hier insgesamt auch noch nicht so viel Zeit verbracht und bin immer noch in der Eingewöhnungsphase. Deswegen kann ich in diesen Beitrag auch erst mal nur einen groben Einblick geben, da ich die Menschen und meine Arbeit in der Grundschule natürlich erst oberflächlich kennenlernen konnte.

Willkommen in Puca Urku

Anreise

Normalerweise nehmen wir einen ein bis zweistündigen Bus von Tena aus und kommen dann Montag früh an. Freitag Mittag geht es dann zurück. Die Challenge ist es, im richtigen Moment dem Busfahrer zu signalisieren, dass man aussteigen will, da er sonst am Dorf einfach vorbeifährt. Theoretisch kann man aber auch ab Misahualli mit einem motorbetriebenen Kanu fahren. Dadurch spart man sich einiges an Zeit. Diese Woche sind die Lehrerin und ich so zurück gekommen…

mit dem Bus unterwegs
Auf dem Rückweg mit dem Kanu 🙂
Mein fetter Rucksack – ich muss jedes Mal auch Bettlaken, Handtuch, Essen für eine Woche usw mitbringen und meinen Müll wieder zurück nehmen

Das Freiwilligenhaus

Während der Arbeitswoche, die wir hier sind, leben wir in einem eigenen Haus, dass einfach von ehemaligen Freiwilligen gemeinsam mit den Menschen aus dem Dorf gebaut wurde. Die Lage ist echt absolut traumhaft mit Blick auf den Fluss. Jeden Abend/ Spätnachmittag um ca. 6:15 kann ich vom Balkon aus den Sonnenuntergang über dem Wasser beobachten. Ich habe ein kleines Bad, eine Küchenzelle mit mobilem Gasherd und ein Raum mit Bett und einem Schrank.

Das Haus für die Freiwilligen 🙂

Sonntags, bevor ich am Montag mit dem Bus hier her fahre, decke ich mich mit Lebensmitteln für die Woche ein. Außerdem muss ich Bettlaken, Handtücher, Lappen und so was mitnehmen. An sich ist es super entspannt, nur für sich zu kochen, die erhöhte Schwierigkeit ist nur, dass es keinen Kühlschrank gibt und das Klima hier noch mal deutlich schwüler und heißer ist als in Tena (Puka Urku liegt tiefer…). Bis jetzt bewährt haben sich Reis, Nudeln und dazu frisches Gemüse. Tierische Produkte wie Milch habe ich nie mit, die würden wahrscheinlich verderben.

Unter dem Haus (es steht auf Stelzen) kann ich eine Hängematte befestigen und runter zum Fluss ist es nicht weit. Besonders begeistert bin ich von den Pflanzen auf dem Grundstück. Morgens mache ich mir oft Tee aus Zitronengras und direkt um das Haus herum wächst Kakao. Selbst traue ich mich nicht, die Früchte zu ernten (sie gehören den Eltern des Chefs in Pakashka Sacha), aber ich habe schon ein paar Mal mit dem Nachbarskind zusammen Kakaobohnen gelutscht (das Fruchtfleisch ist wirklich mega lecker). Mit dem gleichen Jungen habe ich am Ende der ersten Woche auch ein Feuer gemacht und darauf meine Reste in Bratäpfel und Ofenkartoffeln verwandelt.

Unten am Fluss

Die Grundschule

Die Grundschule
Die Grundschule

Am ersten Schultag sind Mara, unser Chef und ich zusammen hingefahren und haben die Schuleröffnung mitgemacht. Danach sind die beiden wieder zurück nach Tena und ich war die restliche Woche allein da. Unterricht haben wir noch nicht gehalten, da die Lehrerin noch Lehrpläne und Inhalte durchgehen und vorbereiten musste. Stattdessen haben wir in der Woche eigentlich nur gespielt. Ich hatte Stickgarn mit, aus dem wir Armbänder knüpfen und flechten konnten, was bei den Kindern echt gut ankam. Ansonsten haben wir alle möglichen Spiele gespielt – von Klassikern wie Fangen bis hin zu Schwungtuch oder ein Kreisspiel namens „agua de limon“. Interessant war auch das Spiel „El presidente“, bei dem der President der Communidad immer irgendetwas benötigt (z.B. einen Bleistift, eine Yuca-Wurzel, eine Orange, ein weißes T-Shirt, …) und die Kinder es in verschiedenen Gruppen so schnell wie möglich herholen müssen. Oft waren es Pflanzenteile, die ich weder kannte, noch gewusst hätte, wo sie zu finden sind…

Insgesamt sind so etwa neun bis dreizehn Kinder in der Schule, in der ersten Woche war das Erscheinen der Schüler*innen nicht sehr zuverlässig, ich weiß nicht, ob sich das noch ändert. Die Lehrerin hat immer ganz ordentlich zu tun, da die Wissensstände recht verschieden sind und die Kleinsten (eine ist nur drei Jahre alt…) beim Spielen beaufsichtigt werden müssen, während die Älteren (die Älteste ist zwölf Jahre alt, danach ist eine ziemlich große Lücke bis zu 6-7 Jahre) natürlich richtigen Unterricht benötigen. Ziel der Schule ist es, die Kinder in drei Sprachen zu unterrichten: Spanisch, Kichwa und Englisch. Der Englischunterricht ist unsere Aufgabe, während die Lehrerin neben den üblichen Fächern auch Kichwa Wörter mit den Schüler*innen übt (z.B. die Zahlen oder das Wetter).

Der Unterricht findet eigentlich nur in einem Klassenraum statt. An sich gibt es viel mehr Räume und Gebäude, aber die meisten werden kaum genutzt. In dem Lehrerzimmer gibt es einen Drucker, den wir für Arbeitsblätter nutzen können. Die Schule liegt wirklich direkt am Fluss und in der ersten Woche haben die Kinder super viel gebadet. Es gibt eine Schaukel, die über das Wasser schwingt und von der aus man hineinspringen kann und an einem Tag sind wir ein Stück weiter an einen Strand gelaufen und haben dort kleine Häuser aus Naturmaterialien gebaut. Fußball und Basketball habe ich auch schon mit den Kindern gespielt, die aus einem mir unerfindlichen Grund ständig rennen wollen (auch wenn die Sonne bei über 30° knallt)… Auf dem Grundstück steht außerdem ein Orangenbaum, an dem sich fleißig bedient wird (ich wusste davor nicht, dass Orangen ab einer bestimmten Größe auch grün gegessen werden können) und einige Kochbananenpflanzen. Ehrlich gesagt ist es schwer zu sagen, wo hier ein Grundstück anfängt und das nächste beginnt, da es kaum Zäune gibt. Deshalb ist es auch total normal, wenn auf dem Schulhof Hühner rumlaufen oder mal ein Hund vorbeischaut.

Der Schulweg in Zeitraffer 😉

In der Frühstückspause gibt es jeden Tag einen kleinen abgepackten Snack und eine Schulmilch/ Saft für jede*n. Das ganze wird vom Staat bezahlt und ist in ganz Ecuador so. Diese Woche haben wir zudem plátanos (Kochbananen) geerntet, da ich welche zu Chips verarbeiten wollte. Mir war nicht bewusst, dass die Lehrerin gleich die ganze Dolde runterholen würde. Deshalb haben wir am nächsten Tag einfach in der Schule bei einer Feuerstelle gekocht. Die zermatschten Kochbananen mit Ei schmecken besser, als sie aussehen 😉

Letzten Dienstag haben die Eltern der Kinder eine Minga (Gemeinschaftlicher Arbeitseinsatz) gemacht und das Schulgelände gesäubert. Danach gab es noch eine Art Elternabend, bei dem ich die Tagesordnung vorlesen sollte, aber sonst nicht viel verstanden habe, da ca. 80% des Gesprochenen auf Kichwa war. Irgendwie hat mich das Ganze dennoch stark an Deutschland erinnert, vor allem, als es um die Frage ging, wer sich bereit erklären würde, Elternsprecher*in zu sein… Später wurde ich einfach zur Sekretärin des Elternrates gewählt, wobei mir versichert wurde, dass ich nur ab und zu Sachen vorlesen oder mal was notieren muss. Insgesamt war es echt schön, die Eltern der Kinder auch mal zu sehen, auch wenn ich nicht wirklich viel verstehen konnte.

Meine Freizeit

Die Schule endet in der Regel mittags und danach habe ich Zeit für mich. Oft koche ich erst einmal Mittagessen und mache das Haus ein bisschen sauber. Ansonsten chille ich in der Hängematte, schreibe meine Blogartikel (auch der letzte ist hier entstanden), bereite den Englischunterricht vor oder spiele mit den Kindern. Es ist immer ein bisschen unvorhersehbar, ob jemand und wer kommt. In der ersten Woche waren mich öfter Schulkinder besuchen, die mein Haus sehen und mit mir spielen wollten. Der eine Nachbarsjunge, der gleichzeitig der Neffe des Chefs im Pakashka Sacha ist, kommt öfter vorbei. Wir waren schon viel schwimmen (er hat mir eine Stelle am Fluss gezeigt, wo ein Nebenfluss mündet und das Wasser wärmer ist), haben Boote gebaut und schwimmen lassen, gekocht, Kakao geerntet und gegessen und Papierflieger gebastelt. Manchmal helfe ich ihn auch mit seinen Hausaufgaben, er geht in eine Grundschule in der nächsten Stadt. Ich bin immer wieder überrascht, wie gut er klettern kann, er turnt auf dem Dach des Hauses rum oder klettert die Kakaobäume hoch als wäre nichts dabei.

Abends koche ich manchmal oder esse Reste des Mittags, lese ab und zu (bis her irgendwie fast gar nicht), schaue manchmal Film und gehe ansonsten recht zeitig schlafen. Da es schon so früh dunkel wird ist das gar nicht so schwer. Ich wüsste auch nicht, was ich allein noch viel länger machen sollte. 05:50 Uhr klingelt dann wieder der Wecker und ich mache mich für die Schule fertig.

mit dem Nachbarsjungen Papierflieger fliegen lassen 🙂

Challenges

Wie schon am Anfang erwähnt, fordert mich das Leben hier mehr heraus als im Pakashka Sacha. Die ersten zwei Nächte allein im Haus waren schon echt gruselig, vor allem, weil ich neben den normalen Dschungelgeräuschen auch immer wieder ein Knarzen auf dem Dach gehört habe. Mittlerweile weiß ich, dass das wahrscheinlich Mäuse und andere Tiere sind und höre zum Einschlafen einfach ein bisschen Musik.

Nach meiner ersten Nacht musste ich feststellen, dass unter dem Türspalt eine sehr kleine Maus durchgekommen ist und mein Gemüse angeknabbert hat. Seit dem teste ich verschiedene Sachen aus, um das zu verhindern. Bis her hat sich am besten bewährt, eine Decke unter den Spalt zu stopfen und das Gemüse hochzustellen und am besten in einen geschlossenen Topf zu tun.

Eine große Schwierigkeit für mich ist die Kommunikation. Im Pakashka Sacha verstehe ich so ca. 30-80% des gesprochenen Spanisch, hängt auch immer vom Thema ab und ob die Person langsam redet. Notfalls kann ich mir dort aber immer mit Englisch oder Übersetzungstools weiterhelfen und immer wieder nehmen sich die Studierenden die Zeit und führen trotz der vielen Nachfragen und Unterbrechungen lange Gespräche mit uns. In Puka Urku fühle ich mich so, als würde ich erst seit einer Woche Spanisch lernen. Ich verstehe fast gar nichts von dem, was mir gesagt wird. Das hat mehrere Gründe: Es beginnt bei einem leichten lokalen Dialekt und der Tatsache, dass in Ecuador für viele spanische Worte Synonyme existieren, die ich jedoch nicht kenne. Außerdem reden die Kinder ziemlich schnell, mega leise und nuscheln dazu. Die meiste Zeit stehe ich hilflos da und sage „No lo se.“ oder „Lo siento, no entendido.“. Aber nicht nur ich verstehe wenig, wenn ich mit meinem Schulspanisch ankomme, werde ich oft auch nur verwirrt angeschaut…

Worauf ich nicht eingestellt war, ist, wie klein die Kinder teilweise noch sind. Insgesamt macht es mir Spaß, mit ihnen zu arbeiten, sie sind sehr süß und lustig, aber manchmal ist es auch anstrengend, wenn alle gleichzeitig meine Aufmerksamkeit wollen. Zudem sind sie extrem touchy, wollen ständig meine Hand halten, umarmen mich, küssen mich und fassen mich an. Tabus gibt es da nicht so wirklich und daran muss ich mich auch erst gewöhnen. Ich weiß noch nicht, wie ich Grenzen am besten kommuniziere, da einerseits mein Spanisch nicht so gut ist und andererseits ich die Kinder auch nicht verletzen will. Zum Glück habe ich aber das Gefühl, dass das nach der ersten Woche ein bisschen abgenommen hat. Vielleicht ist es auch die Aufregung und Neugier gewesen, mich als fremde Person kennenzulernen.

Highlights

Ich genieße es sehr, auch mal ein paar Abende für mich und ein bisschen me-time zu haben. Das Haus und die Lage sind wunderschön und jeden Abend beobachte ich den Sonnenuntergang. Es ist unglaublich, was hier alles für leckere Pflanzen wachsen und Kakaofruchtfleisch ist ein neuer Lieblingssnack von mir. Morgens starte ich oft mit einer Tasse frischen Zitronentees in den Tag. Außerdem macht es auch sehr Spass, für mich zu kochen und etwas Leckeres zu zaubern.

Ein Sonnenuntergang in Zeitraffer – ist in echt noch schöner als auf dem Video

Ich genieße es auch sehr, nachmittags lange schwimmen zu gehen und Zeit mit dem Nachbarskind zu verbringen. Das Baden macht echt Spaß, ist aber auch ein bisschen gefährlich, weil die Strömung wirklich sehr stark ist. Die Menschen hier sind teilweise noch ein bisschen distanziert, aber sehr nett. Die Familie des Chefs hat mir schon mehrmals Früchte von ihrem Feld geschenkt – Kochbananen, normale Bananen und eine riesige Papaya. Teilweise wusste ich gar nicht, wie ich das alleine alles aufbrauchen soll und hab es in der Schule geteilt. Eines der Schulmädchen hat mich schon nach ein paar Tagen zu sich nach Hause zum Saft trinken eingeladen. Wir haben Orangen gepflückt, ausgequetscht und mit Wasser und Zucker vermischt getrunken. An einem anderen Tag haben mir die Kinder einen riesigen Blumenstrauß gepflückt, den ich mit nach Hause genommen habe.

Generell lebe ich in Puka Urku sehr von Moment zu Moment, offen für alles und ohne viel Ablenkung. Das ist ein ziemliches Gegenteil zu den stressigen Alltag, wie ich ihn aus Deutschland noch kenne. Auch in der Schule ist alles sehr entspannt – der Unterricht entsteht relativ spontan und mit den Schüler*innen gemeinsam. Wenn es dann irgendwann zu heiß ist, ist es auch kein Problem, die Kinder kurz in den Fluss springen zu lassen oder wenn ich als Freiwillige plátanos will, dann machen wir aus den Restlichen halt am nächsten Tag ein Essen. Wenn man sich auf diese Spontanität einlässt, ist sie echt super entspannend. Sehr viele Sachen, die zuhause zu voll dem großen Ding gemacht worden wären, werden hier ganz pragmatisch und gechillt gesehen. Wenn wir irgendwas mit den Schüler*innen machen wollen, dann tun wir es einfach, ohne dass es viel Aufwand dafür bräuchte, eine gute Zeit zu haben. In diesem Fall bewundere ich auch die Lehrerin, die jeden Morgen um fünf den Bus aus Tena hier her nimmt und echt keinen leichten Job hat. Trotzdem ist sie super nett und hat ihren Spaß mit den Kindern. Davon kann ich viel lernen.

Ausblick

Ich freue mich sehr, wenn ich wieder nach Puka Urku fahre, ein bisschen Zeit für mich habe und viel von den Kindern und ihren Familien lernen kann. Dennoch bin ich auch ganz dankbar für die etwas „entspanntere“ Zeit im Pakashka Sacha mit den Studierenden, wo ich eher was mit Gleichaltrigen machen kann und der Kulturschock nicht so groß ist. Ich glaube die Abwechslung ist ganz gut so. Nächste Woche bin ich erst einmal wieder im Studentenhaus und werde neben dem Putzen/Kochen Englischnachhilfe geben und am Mittwoch die Englischschule in Tena besuchen. Außerdem muss ich noch einige Stunden auf dem Grundstück abarbeiten, um mein Pensum bis Monatsende zu schaffen.

Bis bald 🙂

Hannah Amanda