Halbzeit. Gedanken über die Rückkehr und mehr

So langsam schleicht der Tag näher, an dem ich die Hälfte meines Freiwilligendienstes hinter mir haben werde. Den Rückflug habe ich umgebucht, eingewöhnt habe ich mich schon lange und so langsam wird die Frage in meinem Hinterkopf immer drängender: Was mache ich danach? Wie geht es weiter?

Während ich mich einerseits damit auseinandersetzen muss, ob und was ich studieren möchte, kommen aber auch ganz andere Aspekte meines Lebens auf. Wo und wie will ich leben? Allein? In einer WG? Wie nah bei meinen Freund*innen und meiner Familie werde ich sein, wie will ich meine Freizeit verbringen und meine Beziehungen gestalten? Regelmäßige Freundschaftsdates und Familien Dinner? 

Gerade sehe ich so viele Möglichkeiten und freue mich zum Teil schon auf die neuen Erfahrungen, mich ins Studium-Leben hereinzuwerfen, Deutschland und Europa zu bereisen, endlich wieder Harfe spielen zu können, … Ich habe viel Vorfreude, gemischt mit ein paar Zweifeln und Unsicherheiten. Gleichzeitig spüre ich aber auch eine große Ungerechtigkeit. Denn meine Zeit hier hat mir (was ich davor bereits wusste, aber nie richtig nahbar spüren konnte) so richtig gezeigt: Ich habe das Privileg der Wahl. Ich habe das Privileg der Selbstverwirklichung, ich kann mich ausprobieren, scheitern und etwas anders ausprobieren. Wenn ich über meine Zukunft nachdenke, dann denke ich vor allem an mich und nicht als erstes an andere Menschen, die vielleicht von mir abhängen. Wenn ich wollte, könnte ich in Ecuador bleiben, und ein kleiner Teil von mir wünscht sich das. Wenn ich wollte, könnte ich in so gut wie jedem Land der Welt leben, es wenigstens bereisen, verschiedene Kulturen erleben und dazu lernen. 

Ich kann massig Kritik an unserer Deutschen Gesellschaft ausüben und diese Kritik ist auch berechtigt. Aber ich darf nicht vergessen, dass diese Gesellschaft mir eine Schulbildung ermöglicht hat, die trotz ihrer Schwächen so extrem gut war, dass sie meine Neugier nicht komplett verlöscht hat und mir die Werkzeuge, Fähigkeiten und das nötige Grundwissen gegeben hat, um mich selbst weiterbilden und somit diese Kritik überhaupt erst üben zu können. 

Ich lebe hier mit jungen Menschen zusammen, die so wundervolle, interessierte Charaktere haben und von den Möglichkeiten, die ich habe, nicht mal träumen können, weil sie ausserhalb ihres Vorstellungsvermögens liegen. Ich lerne die Bedeutung von Bildung an eigener Haut kennen. Was würden all diese jungen Menschen verändern können, wenn ihr sie zum kritischen Denken erzieht, ihren Horizont erweitert und Wissen zugänglicher machen würdet? Ich lerne die unterschiedlichen Arten von Armut und Reichtum, von Nötigem und Luxus kennen. Ich lerne, dass materieller Wohlstand paradox ist: Zu wenig macht genauso unglücklich wie zu viel und am Glücklichsten wird man wohl immer sein, wenn man ihn teilt. Der Mensch passt sich an sein Umfeld an. Letztendlich brauchen wir erstaunlich wenig zum Leben, während unsere typischen Bilder von Luxus mehr in Richtung protzige Uhren, Schmuck oder Autos gehen, ist eigentlich schon eine Spülmaschine, ein drittes Paar Schuhe, ein Hobby, ein Wochenendausflug in die nächste Stadt, Freizeit, ein Buch, ein Handrührgerät, ein Rückzugsort für sich selbst oder anhaltende Stromversorgung Luxus. Es ist Luxus, einen Beruf zu wählen, weil er einem Spaß macht, es ist Luxus, kündigen zu können, weil der Beruf einen mental belastet oder auslaugt. Es ist Luxus in einem Sozialstaat zu leben. Das sind einfach Privilegien, die nicht alle haben, auch wenn sie es noch so sehr verdient hätten. 

Wie schnell werde ich all dies im Alltag in Deutschland wieder verdrängen?

Wie schnell werde ich Ecuador vergessen?

Ich sehne mich nach Veränderung, persönlichem Wachstum und (zugegeben) einigem des Luxus, den ich in Deutschland haben werde. Und gleichzeitig will ich nicht fort. Manche Menschen sind mir hier dermaßen ans Herz gewachsen, dass ich sie nicht verlassen will. Genauso schmerzt die Vorstellung, einige Menschen aus meiner Heimat nicht baldmöglichst wiederzusehen. Ich habe mich so an die Natur, den Regenwald, die Langsamkeit, das leckere Obst und dieses ganz andere Lebensgefühl hier gewöhnt. Was will ich in einer Stadt, in einem Land mit Winter, in einem stressigen Alltag? Wie kann ich dieses Paradies hier verlassen? Wie kann ich nach so einem Jahr einfach wider einen „normalen“ Lebenslauf in Deutschland aufgreifen, daran anknüpfen, Studieren, Arbeit finden und weiterleben, als wäre nichts passiert? Wie kann ich meine Erfahrungen, was ich hier gelebt und gespürt habe greifbar machen, wie soll ich Menschen finden, die diese Erfahrungen teilen, verstehen können? Denn Fakt ist: Man muss hier gewesen sein, man muss hier gelebt haben, um es zu verstehen. Keine Worte der Welt können die Ambivalenzen beschreiben, die ich hier täglich spüre. Nein, Ecuador ist nicht einfach arm, aber von der Natur her reich, zersplittert und Opfer globaler ausbeuterischen Strukturen. Ecuador ist so viel mehr. Die Menschen hier sind so viel mehr. Es gibt Moderne und Tradition, Widerstand und Unwissenheit, starke Religiosität und sexuelle Freiheit, Sexismus und ein Selbstbewusstsein vieler Frauen, dass beeindruckt, Naturheilkunde und Pharmaindustrie, Handys an jeder Ecke und Stromausfälle, Klimawandel und Umweltschutz, emotionalen Reichtum und materielle Armut, materiellen Reichtum und emotionale Armut, Artenvielfalt und Massentierhaltung, es gibt Forschung, Lücken im Bildungssystem, Schulmilch, Black Friday und Wochenmarkt, Großzügigkeit, Kriminalität, Unverlässlichkeit, Entspanntheit, Abhängigkeit, familiäre Supportsysteme, Gefälligkeiten von Bekannten der Bekannten, Kapitalismus, kleine indigene Dörfer, Großstädte, Internet, Kolonialismus, globale Vernetzung, Wahlpflicht, Korruption, viel Polizei, eine der progressivsten Verfassungen der Welt (aber nur auf dem Blatt…), Umweltzerstörung, Tourismus, Rassismus, Klasszismus, Vereine, Parks, Second-Hand Läden, Reparaturwerkstätte, Plastik im Wald, der Traum vom westlichen Luxus mitten im Paradies der Natur und mehr. 

Endlos mehr.  

Es gibt so viel. So viel auf einmal, nebeneinander, wegen einander und trotz einander.   

Ich könnte Seiten darüber schreiben, wie ich mich hier fühle, wie ich mein Umfeld einschätze, wie ich die ecuadorianische Kultur erlebe. Ich könnte Seiten füllen, und es nicht so rüber bringen, wie ich wollte. All die Ungereimtheiten, Wiedersprüche, Gefühle. All die verschieden Aspekte. Und ich rede hierbei von meiner Perspektive. Meine Perspektive ist so dermaßen winzig im Vergleich einer komplexen Kultur mit so vielen verschiedenen Beziehungen, Charakteren, kollektiven Erinnerungen, Traditionen und Lebensrealitäten. 

Ich fühle mich ohnmächtig dabei, all das hier wiederzugeben. Mein Blog ist wie eine Skizze, die jede*r Leser*in mit eigenen Vorstellungen und Farben füllen wird. Vorstellungen, die wohl zum Großteil auf eigenen (Reise-)Erfahrungen und ansonsten (unbewussten) Klischees und Halbwissen basieren werden (wie meine Vorstellungen Früher und zum Teil immer noch auch). Ich spüre das Bedürfnis, meinen Alltag hier, dieses wundervolle Land anderen Menschen zu zeigen und habe gleichzeitig Angst vor der Verantwortung der Berichterstattung – denn auf irgendwas wirst du immer den Fokus legen müssen und irgendwas wirst du dabei immer verzerren oder weglassen. 

Ich will meine Learnings hier auch wenn ich zurück bin mit Anderen teilen. Ich will diesen Austausch, die Verbindung und das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen weiter fördern, ein Teil davon sein. Ich habe Angst, dass ich zurück komme, und Deutschland kaum noch wieder erkennen werde. Wie viel wird mir unnötig, verschwendet, überflüssig vorkommen? Was wenn ich die Menschen aus meinem Umfeld nicht mehr so gut verstehen kann – und sie mich nicht? Wir haben ja alle ein Jahr in verschiedenen Realitäten gelebt… 

Ich frage mich, wie schnell ich Ecuador aus meinen täglichen Gedanken verbannen werde – und was schlimmer wäre: Das Vergessen/ ins Hintergrund rücken oder das ständige Fern(Heim-?)weh nach einem Land, was nicht meine Heimat ist, mir aber dennoch ein Zuhause geboten hat. 

Kann ich nach so einem Jahr zurück kommen ohne politisch aktiv zu werden?

Wie schnell werde ich mich wieder an Luxus und eine kapitalistische Wegwerfgesellschaft gewöhnen?

Will ich mich überhaupt wieder daran gewöhnen?

Es klingt für mich selbst übertrieben, aber ein bisschen fühle ich mich wie eine Romanheldin, die feststellen wird, dass nach ihrer Rückkehr sich nicht nur sie selbst, sondern auch ihr ehemaliges Umfeld verändert hat und es nie mehr sein wird wie früher. Dass da eine kleine innere Distanz bleibt, die durch unterschiedliche und nicht zusammen erlebte Erlebnisse zustande kam. Andere Perspektiven und Denkmuster, die sich schwer erklären lassen. Der Frust, nicht verstanden werden zu können…

Und auf der anderen Seite denke ich mir auch wieder: Was für ein Quatsch. Es gibt neue gemeinsame Erlebnisse mit alten und neuen Bekanntschaften, Austausch, Gespräche und auf jeden Fall auch Menschen, die ähnliches erlebt haben und connecten können. Und ich freue mich auf diese Zeit genauso sehr wie auf meine zweite Hälfte Freiwilligendienst in Ecuador. 

Erfolgreicher Protest – Nein zum Hochsicherheitsgefängnis in Archidona

Anfang Dezember bis kurz vor Weihnachten war es schwierig bis unmöglich aus Tena und Umgebung weiter wegzufahren. Der Grund: die wenigen Hauptstraßen waren von Protestierenden verbarrikadiert worden. Ich wollte in dieser Zeit eigentlich zum weltwärts-Tag nach Quito fahren sowie eine Weihnachtsfeier der Freiwilligen der Region in Puyo besuchen, musste jedoch beides ausfallen lassen. Auch der Unterricht in Puka Urku konnte nicht stattfinden, da der Bus durch den Knotenpunkt Puerto Napo nicht durchgekommen wäre. Mehr dazu erfahrt ihr in diesem Artikel.

(kleiner Hinweis: Ich habe versucht, so viele Informationen und Hintergründe wie möglich zu dem Thema zusammenzusuchen, aber dennoch schreibe ich über die Proteste so, wie ich bzw die Menschen in meinem Umfeld sie mitbekommen haben. Ich hoffe, ich habe nichts falsch verstanden/ aus Versehen verzerrt dargestellt und kann auch nicht Vollständigkeit garantieren. Dennoch liefern die Fragen hoffentlich einen kleinen Einblick…)

Gegen was wurde protestiert?

Anlass der Proteste war der von der Regierung geplante Umbau eines Gefängnisses in Archidona zu einem Hochsicherheitsgefängnis. Anfang Dezember wurde eine Baufirma mit 52 Mrd. US-Dollar zum Bau beauftragt. Das so eine fette und teure Anlage mitten im kleinen Archidona keine besonders schöne Geste an die Region ist, die von der Regierung sonst tendenziell eher vernachlässigt wird, war mir gleich klar. Trotzdem konnte ich erst durch Gespräche die Tragweite dieses Baus und die Emotionalität vieler Einwohner*innen in Ansätzen verstehen.

Was ist am Bau eines Hochsicherheitsgefängnises hier problematisch?

Das Selbstverständnis der Region rund um Tena ist es, eine besonders ruhige, sichere und touristische Region zu sein. Vor allem in der Küstenregion und der großen Hafenstadt Guayaquil hat Ecuador viel mit organisiertem Verbrechen, Drogenschmuggel, Bandenkriminalität und Korruption zu kämpfen (einer der Gründe, weshalb ich diese Region während meines Freiwilligendienstes nicht bereisen darf). In den sozialen Medien gehen immer mal wieder Videos viral von inhaftierten Bandenführern, aus dem Gefängnis heraus TikTok Videos drehen und die Wärter*innen auf ihrer Seite haben. Mir wurde erzählt, dass rund um bereits bestehende Hochsicherheitsgefängnisse Drogenhandel in und um das Gefängnis blüht, Korruption wächst und regelmäßig Menschen verschwinden. Bis jetzt ist die Region hier davon halbwegs unberührt geblieben – und will es auch bleiben. Die Angst vieler Menschen ist es, dass das Hochsicherheitsgefängnis (mit seinen Insass*innen aus vor allem der organisierten Kriminalität) all diese Probleme und Gewalt in die Region tragen, Touristen abschrecken und die Sicherheit der Bevölkerung vor Ort gefährden würde. Zudem wäre der geplante Bau in der Nähe von fünf verschiedenen Bildungseinrichtungen, was das Thema zusätzlich emotionalisiert. Für mich persönlich hatte es den Anschein, als wolle die Regierung Schwerstverbrecher*innen in das provinzielle „Hinterland“ verbannen, um sie und ihre Probleme aus den Augen zu haben. Aber das haben sich die Menschen vor Ort nicht gefallen lassen…

Von wem wurden die Proteste organisiert?

So wie ich es verstanden habe, waren die Proteste ein Zusammenschluss mehrerer lokaler Initiativen, allen voran der indigene Verband CONAIE1. CONAIE setzt sich seit über 30 Jahren für indigene Rechte und Sichtbarkeit ein, hat bereits mehrmals Großstreiks organisiert, die von viel Polizeigewalt begleitet waren und steht für den Stolz der außergewöhnlich große Vielfalt indigener Kulturen in Ecuador. Ich habe ich bereits vor meiner Ausreise ein bisschen mit diesem Verband beschäftigt und finde es bewundernswert, mit welcher Ausdauer und Entschlossenheit sie sich für ihre Rechte einsetzen.

Wie wurde protestiert?

Hauptmittel waren die Blockaden der Hauptstraßen von und nach Tena, dazu Demonstrationen (unter anderem vor dem Sitz der lokalen Regierung in Tena…). Als erstes wurde in Archidona die Straße zu gemacht, es folgte Puerto Napo (s. Karte). Somit war der Fernverkehr nach z.B. Quito oder Puyo abgeschnitten. Dennoch waren die Folgen vor allem negativ für die ansässige Bevölkerung in und um Tena. Ein Durchbruch war es, als schließlich auch in Baeza eine Blockade errichtet wurde. Durch Baeza wird ein Großteil des im Amazonas gefördertem Erdöl transportiert, weshalb ein Durchkommen für die Wirtschaft wichtig und der entstehende Druck auf die Regierung deutlich größer ist.

Barrikaden in Archidona und Puerto Napo
kein Durchkommen Richtung Puyo oder Quito, zusätzliche Barrikade in Baeza

Ausgang

Erst waren die Fronten recht verhärtet und die Regierung drohte sogar mit höheren Polizeieinsätzen. Aber schließlich gab sie auf Social Media bekannt, dass der Bau woanders stattfinden werde. Die Proteste hielten jedoch an, bis wirklich das offizielle Dokument zur Umplanung unterschrieben wurde. Als nur noch die Unterschrift fehlte, habe ich auf einer Demonstration vor dem Regierungssitz vorbeigeschaut…

“Napo im Wiederstand“
von links nach rechts gelesen (was nicht verdeckt ist 😅): „5000 Kinder sind betroffen – Nein zum Hochsicherheitsgefängnis“, „Wir wollen Frieden“, „Ja zu Bildung, nein zum Gefängnis“, „Nein zum Hochsicherheitsgefängnis“, „Napo ist Leben, wir siegen mit Seele und Herz“
(Von links nach rechts – was nicht verdeckt wurde und ich lesen kann…) “Für die Zukunft unserer Kinder“, „Recht, Schutz, Sicherheit“, „Tage des Wiederstandes: 1. Nein zum Hochsicherheitsgefängnis in Archidona, 2. Rechte der Kinder und -, 3. Sicherheit -, 4. Gesundheit und Bildung fördern, 5. soziale Gerechtigkeit, 6. Nein zu -, 7. Amazonas frei zu -, 8. – betroffene Gruppen, 9. Respekt indigener Communities, 10. kein Hochsicherheitsgefängnis im Amazonasgebiet, 11. – sauber und Biodiversität -, 12. -, 13. keine weiteren Hochsicherheitsgefängnisse, keine weitere Gewalt“

Kurz vor Weihnachten war der Protest dann tatsächlich erfolgreich vorbei – was auch sichtbar das Selbstbewusstsein vieler Menschen gestärkt hat. Ich habe teilweise von einem „historischen Sieg“ gehört und dass die Region endlich gezeigt habe, dass sie sich nicht alles gefallen ließe. Das Hochsicherheitsgefängnis soll jetzt in Santa Elena gebaut werden, an der Küste. Die Barrikaden wurden wieder aufgelöst und seitdem ist es fast so, als wäre nichts passiert.

Auch in den Straßen Tenas sieht man ab und zu Plakate wie dieses – „Nein zum Hochsicherheitsgefängnis im Amazonasgebiet. Die Amazonasregion ist Leben und kein Gefängnis“

Wie hat mich die Barrikade beetroffen?

Ich fand es sehr spannend zu sehen, wie CONAIE und Ansässige sich politisch zusammengeschlossen und protestiert hat. Demos habe ich bis dahin noch nie hier sehen können. Von der Sache her war ich auf jeden Fall auf der Seite der Protestierenden – trotzdem war es bitter, den weltwärts-Tag und die Weihnachtsfeier zu verpassen. Theoretisch hätte ich durch die Barrikade laufen können, um auf der anderen Seite einen Bus zu nehmen, aber aus Sicherheitsgründen sollten wir Freiwillige das nicht tun. Besonders belastet hat es mich jedoch, über einen Monat mit allen im Haus zu sein. Wir konnten zwar nach Tena, aber mir hat die Zeit für mich in Puka Urku sehr gefehlt. Meine introvertierte Seite braucht einfach Ruhe, um ihre soziale Batterie aufladen zu können. In dem Zuge war ich während dieser Wochen oft gereizt und angenervt und ich bin sehr froh, dass die Proteste wieder vorbei sind. Umso besser, dass sie erfolgreich waren 🙂

  1. Hier der Link zu ihrer Website (leider nur auf Spanisch): https://conaie.org/ ↩︎

Mein Weihnachten und Silvester in Ecuador

Während ich immer noch in der Nähe des Äquators bin und (auch während der etwas kühleren Regenzeit) Tropenwetter spüre bekomme ich aus Deutschland immer wieder Bilder von Schnee, Matschwetter und Weihnachten… Tatsächlich ist besonders die Advents- und Weihnachtsstimmung bei mir dieses Jahr ausgeblieben, dafür hat es Silvester ordentlich gekracht. Mehr über meinen Dezember in Ecuador erfahrt ihr hier 🙂

Adventszeit

Schon recht früh, im November, konnte ich nach und nach in Tena beobachten, wie Geschäfte Weihnachtsdeko im großen Stil anbieten. Gerade in den Städten wird dabei vor allem den USA nachgeeifert mit vielen bunten Lichtern, kitschigen Plastiktannenbäumen und so weiter. Für mich hat sich die Kombination aus Hitze und Tropen und Weihnachtsdeko irgendwie falsch angefühlt. Adventskalender sind hier relativ unbekannt, aber ich habe organisiert, dass ich mit den anderen Freiwilligen einen für unsere Studenten im Haus bastle. Ich selber hatte einen kleinen süßen Kalender von Mama aus Deutschland mitgeben bekommen 🙂 Er hat mir gezeigt, wie Weihnachten immer näher rückt, aber gleichzeitig hat sich das Fest noch Monate entfernt angefühlt. Zweimal habe ich Plätzchenaktionen durchgeführt, die mehr oder weniger geklappt haben, und kurz vor Weihnachten habe ich noch auf Krampf eine Weihnachtsplaylist1 erstellt. Außerdem habe ich ein paar kleine Geschenke gekauft, süß eingepackt (mit dem was ich halt finden konnte) und Karten gebastelt. Das war irgendwie auch schon alles und an den meisten Tagen habe ich nicht an Weihnachten gedacht. Unser Chef aus der Schweiz ist zu Besuch gekommen und mit ihm haben wir einen Plastikbaum aufgestellt und dekoriert, dass war ganz nett. So lässt sich eigentlich mein ganzes Weihnachten hier zusammenfassen: Ganz nett. Aber nicht annähernd so schön oder gar besonders wie zuhause.

Heiligabend/ Feiertage

Am 24.12. sind wir vormittags in die Communidad Puka Urku gefahren, um dort bei der Weihnachtsfeier mit dabei zu sein. Es war eine schöne Erfahrung, das erleben zu können. Bei der Feier waren die Kinder (jedenfalls die paar, die nicht schon in die Ferien Verwandte besuchen gefahren sind), Eltern, Geschwister und so ziemlich das ganze Dorf. Es gab ein sehr kleines Programm (aufgrund der Barrikaden in Dezember ist der Unterricht ausgefallen und dementsprechend konnte nicht viel eingeübt werden) und dann die „Bescherung“. Groß Geschenke zu vergeben ist hier nicht so üblich (vor allem nicht in den indigenen Communidades), aber es gibt die sogenannten „Fundas de Navidad“ (Weihnachtstüten). Diese Plastiktüten vollgestopft mit Süßigkeiten gibt es für einen Dollar überall zu kaufen und jedes Kind hat insgesamt ungefähr fünf (!) von ihnen bekommen. Danach waren Gruppenspiele/ Wettbewerbe an der Reihe, die von den Eltern und manchmal auch uns Freiwilligen gespielt wurden. Mit dabei waren Stuhltanz, mit verbunden Augen Weihnachtstüten herunterschlagen oder um die Wette Chicha trinken (wird aus Yuka Wurzeln hergestellt und hat für mich einen ähnlichen Geschmack wie Ziegenmilch). Besonders interessant war ein Spiel, bei dem eine Kochbanane an einer Schnur an deiner Hüfte befestigt wurde und man anschließend durch Schwingbewegungen mit der Banane eine Mandarine zur Ziellinie stoßen sollte… Wir Freiwilligen wurden mehr oder weniger gezwungen mitzumachen und haben uns echt zum Affen gemacht (es ist wirklich schwer…). Ein kleines überraschendes Highlight war der tatsächliche Baby-Affe, den eines der Mädchen unter ihrem Kleid hervorgeholt hat. Niemand hatte einen Plan woher sie ihn hatte, aber er war echt süß. Mittags wurden wir dann noch zum Essen in der Schule eingeladen (Suppe, Reis, Hähnchen, Bohnen, …) und die sechs Hähnchen, die wir als Geschenk mitgebracht haben, wurden alle verputzt (ich habe meinen Teil weitergegeben…).

Abends haben wir im Pakashka Sacha alle zusammen gegessen. Ich habe mich darum gekümmert, Klöße, Rotkraut und Lebkuchensauce zu machen und unser Chef hat irgendein Schweizer Braten in Teighülle gemacht – einen auch in vegetarisch. Danach haben wir noch Activity gespielt, was echt lustig war, und dann war der Abend auch schon vorbei. Ehrlich gesagt hatte ich dann schon ein bisschen Heimweh und habe mich gefragt – das war jetzt alles? Der nächste Tag war normaler Arbeitstag und am (theoretisch) zweitem Feiertag haben wir eine Großputzaktion im Haus gemacht, einmal alle Möbel raus geräumt und jedes Zimmer gründlich gereinigt. Das war recht anstrengend, aber als „Belohnung“ sind wir danach alle zusammen Essen gegangen, was wirklich schön war.

Insgesamt hätte ich mir schon gewünscht, dass ein bisschen mehr Weihnachtsstimmung aufkommt, ich habe mich dann irgendwann jedoch einfach damit abgefunden. Typische Weihnachtstraditionen scheint es in Ecuador bis auf die Süßigkeitentüten wenige zu geben (so weit ich mitbekommen habe). Ich habe gehört, dass sich (vor allem in den Städten) Familien schon auch abends zusammen hinsetzen, lecker essen und gemeinsam Zeit verbringen. Allerdings ist das sehr unterschiedlich. Ansonsten ist Ecuador auch ein sehr katholisches Land, weshalb für viele Weihnachtsgottesdienst eine zentrale Rolle spielt. Insgesamt scheint das Fest jedoch nicht das wichtigste Fest im Jahr zu sein, was ich in Deutschland schon behaupten würde (oder zumindest eines der wichtigsten…).

Silvester

Während Weihnachten in Ecuador nicht ganz so groß gefeiert wird, wird es dafür zu Silvester richtig wild. Weltweit verbreitete Traditionen wie Feuerwerk und Party machen gibt es hier auch – mit ein paar Extras. Hier ein paar Eindrücke von meinem Abend:

Wie man auf dem Video schon sieht waren die Straßen Tenas gut gefüllt. Überall wurde getanzt, geböllert und Laternen in die Luft geschickt (was ich persönlich besonders schön fand). Außerdem gab es überall offene Feuer, in denen die Leute sogenannte „muñecas“ (Puppen) verbrannt haben. Ursprünglich sind diese Puppen lebensgroße Abbildungen einer Person aus deiner Familie/ Communidad und selbstgebastelt. Gemeinsam mit der Puppe wird ein Zettel verbrannt, auf der schlechte Eigenschaften der Person bzw. Negatives steht, was im alten Jahr gelassen werden soll sowie Wünsche fürs neue Jahr. Durch das Verbrennen und das anschließende übers Feuer hüpfen der Person wird dies wahr. Mittlerweile gibt es in Großstädten richtige Wettbewerbe, wer die schönste/ coolste/ interessanteste Puppe hat. Das können Politiker*innen, Sportler*innen, Zeichentrick-Figuren oder Filmcharaktere sein. Am 31.12. selbst bin ich den Großteil des Tages im Bus von Otavalo zurück nach Tena gefahren und habe durch das Fenster viele Straßenverkäufe dieser muñecas gesehen. In Tena war es gemischt – einige Puppen waren selbstgemacht und z.b. Familienmitglieder, andere gekauft.

Straßenverkauf muñecas aus dem Busfenster fotografiert

Was ich auch gesehen habe, wenngleich ich leider keine eigenen Fotos oder Videos habe, sind die sogenannten „viudas“ (Witwen). Hierbei handelt es sich um Crossdresser (Männer, die sich als Frauen verkleiden) und den ganzen Tag über den Verkehr belästigen, auf den Straßen tanzen und Autos aufhalten und erst wieder gehen, bis sie ein paar Cent Trinkgeld bekommen haben. Das Ganze wird teilweise echt wild und ist schon spicy… 😅 Ich habe im Internet nach ein paar Videos gesucht, falls ihr euch einen Eindruck verschaffen wollt (das ganz heiße Zeug habe ich nicht genommen, aber wenn es euch interessiert sucht einfach nach „widows Ecuador new year“ oder „viudas locas ecuador“…):

So geht es ungefähr auf den Straßen ab…
Hier sieht man die viudas, aber auch noch mal die muñecas

Fazit

Während mir Weihnachten zuhause schon viel bedeutet, musste ich dieses Jahr mit weniger Erwartungen an das Fest herangehen. Der 24.12. war ganz nett, aber das war dann auch schon alles. Viel Weihnachtsstimmung kam leider nicht auf, was auch ein bisschen am Klima liegt, wenn ich ehrlich bin. Viele „ecuadorianischen Traditionen“ habe ich zu Weihnachten wirklich nicht bemerken können. Dafür war Silvester hier eine wirkliche Erfahrung und ich hatte viel Spaß. Vielleicht liegt es auch daran wie (und wo) ich in Deutschland immer Silvester gefeiert habe, aber so viel Party und Trubel hatte ich bisher nie. Die Tradition mit den muñecas finde ich echt cool (leider hatte ich durch meine Reise keine Zeit eine eigene Puppe zu machen) und das Crossdressing ist wirklich mal etwas anderes. Es war wirklich schön zu sehen, wie Menschen jeden Alters auf den Straßen waren und gemeinsam gefeiert und getanzt haben. Während ich mich auf Weihnachten zuhause echt freue werde ich zu Silvester Ecuador bestimmt vermissen…

  1. Falls ihr mal reinhören wollt: https://open.spotify.com/playlist/4AQvXTKtTa0JOxaYDcCXFQ?si=KwgX8xQWQCOW7dk1UrRX-Q&pi=u-X4VKYMODRRy_ ↩︎

Eindrücke aus meinem Leben (Okt.-Nov.)

Es schockt mich selbst ein bisschen, wie schnell die Zeit verflogen ist. Da es unmöglich ist, wirklich alles wiederzugeben, was in den letzten beiden Monaten passiert ist, versuche ich es gar nicht erst. Aber ich gebe gern ein paar Einblicke und picke die ein oder andere Sache heraus 🙂

Highlights der letzten Wochen

  • Mein Geburtstag:

Wie zu erwarten war mein Geburtstag dieses Jahr anders als sonst. Tatsächlich ist unter den Studierenden hier Geburtstag gar kein so großes Ding, weshalb wir Freiwilligen uns ein bisschen selber organisieren. Schon am Tag davor habe ich den traditionellen Geburtstagskuchen meiner Familie gebacken, den Hübschen Bunten, (Dank geht raus an Mattis, der mir Rote-Grütze-Pulver und Vanillepuddingpulver mitgebracht hat!). Der Tag selber war dann relativ entspannt. Tatsächlich war sogar am 11.10. ein Feiertag, was uns leider trotzdem nicht vom Putzen befreit hat. Morgens habe ich erst einmal lecker mit Mara und Mattis gefrühstückt und dann meine Aufgaben erledigt. Mittags habe ich mit Mattis gekocht und entspannt gequatscht. Der Nachmittag war echt schön, wir sind zum Fluss gegangen und waren baden (und wer wollte hat Fußball gespielt). Mein Geschenk an mich selbst war eine riesige Avocado, aus der ich Guacamole gemacht und die ich komplett allein weg gesnackt habe 🙂 Abends sind wir dann noch gemeinsam feiern gegangen, was auch echt lustig war (und ich kann Bachata immer noch nicht…). Insgesamt war es einfach ein schöner entspannter Tag und ich habe es echt genossen.

Geschenke aus der Heimat…
Geburtstagskuchen 🙂
Am Fluss

  • Ausflüge und meine erste Reise (Laguna Yani/ Gran Canyon/ Latacunga – Laguna Quilotoa – Baños):

Nach und nach entdecke ich auch andere Ecken Ecuadors als Tena. Darüber habe ich auch schon diesen Beitrag mit Video erstellt.

  • Erstes inoffizielles Zwischenseminar:

Anfang November haben wir uns mit unserer Mentorin und den Freiwilligen der Region für ein Wochenende in einer wunderschönen Lodge am Fluss getroffen und ein bisschen über unseren bisherigen Aufenthalt in Ecuador reflektiert. Es war echt schön, die anderen wiederzusehen, sich auszutauschen und gemeinsam Spaß zu haben. Ein Learning, was wir glaube ich alle hatten, war, dass jede*r hier schon Schwierigkeiten, Probleme oder schlechte Tage hatte, auch wenn auf Instagram alle immer so glücklich mit ihrem Einsatz wirken.

  • La Isla:

Ich war das erste mal auf der Isla in Tena, die zwischen den Flüssen liegt. Ich wusste gar nicht, dass man mitten in der Stadt so im Regenwald sein kann. Unter anderem habe ich eine mini-Bibliothek gefunden, wo ich mir auch ein Buch ausgeliehen habe (mal schauen, ob ich das auf Spanisch verstehe), das Tapir gesehen, was mir auch gefolgt ist und wunderschöne Ruinen entdeckt. Ach ja, und Affen waren auch da… Davor habe ich mir mal wieder mein Lieblings Frozen Joghurt gegönnt 🙂

Mingas/ Arbeit:

Neu gelernte Wörter (nur ein paar Beispiele):

suave - weich
tenedor - Gabel
rastrillo - Harke
mija - lokales Wort für “Kumpel”
zapatilla - Latsche/ Flipflop
achachay - lokaler Ausruf, wenn man z.B. friert (¡Achachay, qué frío!) oder sich aus Versehen nass gespritzt hat
chupete - Lolli
ají - Chili

Tiere und Pflanzen, die mir begegnet sind:

Zuhause

Habe eine Heimat gefunden
In Menschen
Weit weg von zuhause
Und ich weiß nicht mehr
Wie es ohne euch ging
Mein Herz ist gespalten
-zwei Länder
-zwei Kulturen
-verschiedenste Menschen
Und beides fühlt sich vertraut und doch entfremdet an

Werde hier nie ganz zugehören
Immer das Fremde an mir tragen
Und doch werde ich zurückkommen und wissen:
Das Deutschland, wie ich es vorher kannte,
Das existiert nicht mehr
(Existierte nie)

Mein Blick weitet sich
Und ich fange an Auszumisten,
Rein zu zoomen,
Raus zu picken;
Suche mir aus,
Was mir gefällt
(Avocados, Weihnachtsmärkte, Wasserfälle, Altstädte, Zuverlässigkeit, Spontanität, Kochbananen, Regenwald, Buchläden, Poetry Slams, freie Unis, Straßenbahn, Moto-Taxis, niedrige Preise, Freundlichkeit)

Werde mich nie entschieden
Und immer vermissen,
was jeweils fehlt.

Werde mich nie entscheiden
Und immer genießen,
Was ich gerade hab.

Werde mich nie entschieden,
Denn in der Ferne lerne ich Erkennen,
Was deutsch-sein bedeutet
Und lege gleichzeitig
Stückchenweise mein deutsch-sein ab.

Zuhause
Ist kein Ort mehr,
War es vielleicht nie.
Zuhause ist ein Mosaik,
Ein Bild aus Splittern,
Orte, Momente, Erinnerungen
Menschen, die in meinem Herzen wohnen
Traditionen, Routinen, offene Arme…

Zuhause ist wissen
Ich bleib immer ich
Und das ist genug

Alltag in Puka Urku:

Ausblick

Insgesamt ist die letzten Monate viel passiert und einiges davon habe ich noch nicht erzählt. Z.B. wollte ich eigentlich zum weltwärts-Tag nach Quito, was allerdings wegen Straßenblockaden nicht ging. Außerdem wird langsam Weihnachten, was sich in der Kombination mit Hitze und Regenwald für mich komisch anfühlt. Über all das berichte ich hoffentlich bald. Bis dahin!

Hannah/ Amanda

Ecuador erkunden 1.0 – Erste Ausflüge und Reisen

So schön der Alltag hier auch ist, manchmal wird es mir dann doch zu viel und ich bin froh, wenn ich die Gelegenheit habe, mal raus zu kommen. In den ersten Monaten war ich noch mit Ankommen beschäftigt, aber in den letzten Wochen konnte ich immer mal kleinere Kurztrips machen. Ich bin so begeistert von der Natur hier. Ecuador hat ja bekanntlich vier Welten – die Küste, die Anden, den Regenwald und die Galapagos Inseln. Bis jetzt kannte ich nur den Regenwald, aber vor ein paar Tagen bin ich das erste Mal in die Anden, nach Latacunga gereist. Auch wenn ich theoretisch wusste, dass es in Ecuador nicht überall tropisch ist, war die Kälte in den Bergen ein Schock für mich. Ich wusste gar nicht mehr wie sich Kälte anfühlt… Ecuador mit Menschen in Jacken, Mützen und Ponchos hat sich erst seltsam, dann aber genau richtig angefühlt. Die Anden sind einfach wunderschön und ich will unbedingt wiederkommen. Nächste Woche fahre ich zum weltwärts-Tag nach Quito und bleibe danach noch das Wochenende dort. Ich bin schon gespannt die Stadt zu erkunden 🙂

Wenn ihr Einblicke in meine letzten Ausflüge und Reisen bekommen wollt, könnt ihr euch gern dieses Video mit random Videos und Fotos anschauen:

Ecuador vs. Deutschland – was ich liebe und was mich nervt (Update 14.1.2025)

Das vermisse ich am meisten aus Deutschland:

  1. Freund*innen und Lieblingsmenschen
  2. den Herbst
  3. Tomatenmark, saure Sahne, guter Käse und echtes Brot
  4. kulturelle Veranstaltungen (Ausstellungen, Konzerte, Poetry Slams, Theater, modernes Ballet, …)
  5. Freizeit und die Möglichkeiten, die ich hatte, um sie zu gestalten
  6. Leichte Verfügbarkeit von Informationen im Internet (Busfahrpläne, Veranstaltungen suchen etc.)
  7. Politisches Engagement, diskutieren, Wissen anlesen
  8. Bibliotheken und süße Cafés
  9. Fahrradwege, schöne Parks und alte, ästhetische Häuser
  10. Weihnachten und Adventszeit

Das brauche ich echt nicht wieder:

  1. Schule
  2. deutsche Preise (kein ordentliches Mittagessen mehr für 2,50 US$…)
  3. Kahle Bäume, Matschwetter und Schneeregen
  4. Eine Gesellschaft, die sich über Probleme aufregt, die keine wirklichen Probleme sind, anstatt sich am Wesentlichen festzuhalten, die wirklichen Probleme zu beheben und das Jetzt zu genießen
  5. gesellschaftlich akzeptierter Egoismus und ein hyper-Individualismus, der einsam macht
  6. ich will nicht sagen die Unfreundlichkeit der Deutschen, aber schon irgendwie die Distanziertheit/ Gleichgültigkeit gegenüber Fremden, die man oft/ öfter antrifft als hier
  7. Bürokratie
  8. Ein Umfeld, dass viel zu sehr mit den Köpfen in eventuellen Zukunftsplänen hängt (anstatt einfach im Moment zu leben) und indirekt von einem erwartet, auch einen Plan zu haben was man machen/ werden/ erreichen will
  9. Die Omnipräsenz von schwer zu erreichbaren und ungesunden
    Schönheitsidealen
  10. Die Kompliziertheit von allem: Das fängt bei den Vorschriften und Sicherheitsvorkehrungen eines Schulausflugs an, geht über sämtliche Küchengeräte weiter, die man eigentlich nicht braucht bis hin zu Lebensmotto, Verkehrssystem oder politische Debatten
  11. aktuelle Debatten und Politik rund um die Bundestagswahl

Das genieße ich am meisten in Ecuador:

  1. Die wunderschöne Natur (lost in paradise…)
  2. das frische Obst
  3. die Freizeit mit den Studierenden
  4. überall mit dem Bus rausgeschmissen werden zu können
  5. die Unkompliziertheit (egal ob man sich spontan von jemanden mitnehmen lässt, einfach fragt ob man mitmachen kann, Ideen in der Schule direkt realisieren kann (ohne bürokratischen Aufwand) etc. etc.)
  6. die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen
  7. selbstständig sein und als Erwachsene wahrgenommen zu werden
  8. vieles (jedenfalls Dinge, die nicht importiert oder sehr touristisch sind) ist hier billiger als in Deutschland
  9. die Liebe zu Musik, Tanz und Feiern, die du überall spürst (es gibt immer irgendeinen Grund zu feiern und egal ob im Bus oder in der Straße: überall begegnet dir Musik)
  10. das im Hier und Jetzt leben, anstatt immer nur die Vergangenheit zu analysieren und sich über die Zukunft den Kopf zu zerbrechen
  11. all die Pflanzen, die ich sonst in meinem Zimmer hatte, wachsen hier einfach überall
  12. ich kann mich selbst in einem neuen Umfeld ausprobieren
  13. die Direktheit – man nutzt Dinge direkt aus der Natur, kauft Obst/ Gemüse direkt von Bäuer*innen, fragt einfach direkt den Busfahrer (tatsächlich ist mir noch keine Busfahrerin begegnet…) wo es hin geht und so weiter und so fort… egal ob es um Auskünfte, Handel oder Aktivitäten geht, du kommst nicht um die Menschen herum (keine Internetseiten mit Infos, keine online Shops, kaum Preisschilder, keine Selbstbedienungskassen, keine Zweit- und Drittanbieter, wenig Offizielles und viel einfach hingehen, fragen und machen)
  14. die total verschiedenen Regionen und Landschaften
  15. es fühlt sich bereits nach Heimat an

Darauf könnte ich hier echt verzichten:

  1. Der Käse und das Brot
  2. Mücken
  3. die heißen Tage, wenn die Sonne prallt und es 38°C warm ist
  4. Einige Probleme mit unserem Chef
  5. manchmal das Putzen
  6. die weniger selbstverständlichen Wissensstandarts über Hygiene, Gesundheit, Umweltschutz, bewusstes Leben etc.
  7. fehlendes politisches Interesse vieler Leute, da sie einfach nicht sehen/ erleben, dass Politik letztlich ihr Leben beeinflusst
  8. Das Gesundheitssystem (entweder kostenlos und mit sehr langen Wartezeiten sowie wenig Engagement der Ärzte oder privat und mit Ärzten, die komplett übertreiben, dir alles verschreiben, was es gibt und sich das Ganze gut bezahlen lassen…)
  9. die Unbesorgtheit/ Gleichgültigkeit (oder Unwissenheit?) vieler Menschen gegenüber wirklichen Problemen wie z.B. der Klimakatastrophe oder weltweit
    wachsendem Populismus
  10. irgendwann ist dann auch mal wieder gut mit Reis und Eiern
  11. Stromausfälle
  12. ich habe wirklich das Problem, dass organische oder nicht gut gereinigte Dinge, die ich nicht oft benutze, einfach verschimmeln… (Holzperlen, Lederbänder, Schmuck, Tablethülle, Tee, Badetasche, Portmonee, …)

Reflexion (schon ein Monat hier…)

Seit einem reichlichem Monat lebe ich jetzt schon in Ecuador und ich kann mir meinen Alltag in Deutschland bereits gar nicht mehr vorstellen. Die letzten Wochen sind unglaublich schnell verflogen und doch fühlen sie sich an wie eine Ewigkeit. Ich habe mich an so vieles hier gewöhnt und trotzdem probiere ich immer wieder neue Sachen aus, lerne dazu und wachse über mich hinaus. Diese Woche kommt dann auch endlich der dritte Freiwillige nach und wir werden immer zwei Leute im Pakashka Sacha auf einmal sein, während der*die Dritte nach Puca Urku geht. Darauf freue ich mich schon, ich hoffe, das wird cool. Mara und ich sind im letzten Monat echt eng geworden, was ich so schnell und so extrem nicht erwartet hatte, mich aber sehr freut. Wir teilen basically alles: Gedanken, Klamotten, Schmuck, unsere Gefühle, Crushs, Geld, Chips, Rucksäcke und manchmal sogar mein riesiges Bett, wenn bei Mara wieder ein riesiges Insekt im Zimmer ist und sie sich nicht traut, es zu betreten…

Mittlerweile ist mein Spanisch auch schon besser geworden, ich kann mich verständigen und mehr oder weniger tiefe Gespräche führen. Langsam baue ich Beziehungen zu den Menschen hier auf, freunde mich mit den Studierenden an und habe die Namen der meisten Kinder der Schule im Kopf (außer Jaison, Jaiden und Jaidan, die kann kein Mensch auseinanderhalten). Das Leben hier ist zu einer neuen Routine geworden und ich genieße diesen Alltag sehr. Während ich letzten Monat mein Hobby Lesen echt schleifen lassen habe (Mangel an Büchern und so viele andere Eindrücke), bin ich dafür wieder öfter zum Schreiben gekommen. Falls es euch interessiert, findet ihr im Folgenden noch ein paar random Eindrücke der letzten Wochen…

fremd 

Jeden Tag
Ein neues Fettnäpfchen
Lotse die Grenzen aus
Manchmal zu viel
Manchmal zu wenig
Das Bauchgefühl,
Das kommt noch

Drehe mich in Kreisen
„Yo soy Amanda. Soy de Alemania.”
Essen, schlafen, arbeiten
Zum zehnten Mal vergessen,
Was „riechen“ auf Spanisch heißt
Gesprächsbrocken sickern in mein Gehirn
Ich nicke einfach und lächle
Warum das witzig war,
Verstehe ich später
(Manchmal)

Super easy going
War noch nie so extrovertiert
Hab keine Wahl,
Muss halt irgendwie
Die selbstgebauten Mauern einreißen
Und fragen, fragen, fragen
Scham kann ich mir nicht leisten
Noch bin ich lost
Noch bin ich fremd
Und weiß nicht wie die Dinge laufen
Noch…

Alltag

Mein Alltag ist sehr davon bestimmt, ob ich gerade in Puka Urku bin und in der Grundschule helfe (mehr dazu im Artikel über meine ersten Wochen dort) oder im Pakashka Sacha lebe, viel putze, koche, Arbeiten am Haus mache, Zeit mit den Studierenden verbringe, einkaufen gehen kann, Englisch Einzelunterricht gebe, die Hunde füttere und einmal die Woche in der Englischschule in Tena den Unterricht begleite und mit den Schüler*innen ein bisschen auf Englisch quatsche.

Alltag im Pakashka Sacha:

Im Markt einkaufen…

Alltag in Puka Urku:

sin ti

Alles anders
Und doch irgendwie gleich
Essen, schlafen, atmen
Die Tage verrinnen
Und ich vermisse Käsebrot
Vermisse Straßenbahnen
Vermisse dich

Zwischen uns
Nur ein Ozean -
Nur ein Jahr -
Nur ein Anruf -
Zwischen uns
So viel Luft

Am anderen Ende der Welt
Ein leises Atmen
Bist du das?
Hörst du mich?
Die Leitung stockt
Lass sie niemals -
Lass sie nie abreißen

Wie geht es dir?
Ich starre auf das Handy
Und versuche deine verpixelten Gesichtszüge zu lesen
Eine Woche kein Update
Lebst du noch?
Nicht existieren,
Ich meine leben,
So richtig leben…

Fremde Wörter
Verlassen meinen Mund
Vermische die Sprachen
Zu einer neuen
Zu meiner eigenen
Versteht ihr mich?
(Sprachbarriere)

Überwinde Mauern
Und schaffte neue Grenzen
In Gedanken immer an deiner Seite
Deine Stimme in meinem Kopf
-Hörst du mich auch?
Deine Stimme in meinem Kopf…
Das ist alles, was ich brauch

Highlights

Während der letzten Wochen gab es so viele Highlights, dass es mir schwer fällt, alle zusammenzukriegen. Immer wieder schön war es baden zu gehen – egal ob im Fluss bei Puca Urka, in Pano oder an anderen Badestellen. Einmal war ich mit einem der Studenten bei einem echt schönen Wasserfall schwimmen, dass war schon magisch. Generell bleibt die Natur einfach ein Highlight für mich. Jeden Tag wache ich im Regenwald auf und kann es selber kaum glauben. Es ist unfassbar schön hier und ich genieße es, morgens den Nebel über den Bäumen zu beobachten und abends zu den Geräuschen des Waldes einzuschlafen.

Baden 🙂
Durch den Bambuswald
Ganz normale Landschaft beim Bus fahren 🙂
Einfach jeden Tag im Dschungel aufwachen und einschlafen…

So langsam komme ich an den Punkt, an dem sich erste Routinen eingeschliffen haben und ich nicht mehr komplett lost bin. Die Momente, wenn ich z.B. mit dem Bus nach Tena fahre und weiß wo ich bin sind echt schön. Es ein gutes Gefühl, Orte wieder zu erkennen und sich langsam auch in der Stadt heimischer zu fühlen. Ich erkenne Graffitis, Läden, Restaurants und den einen lustigen Mülleimer, der wie eine Ente aussieht, wieder und weiß, wo ich was bekomme, es gutes Eis mit Käse gibt und welche Marktfrau immer ein paar Früchte zum Einkauf dazu schenkt (und das süßeste Lächeln überhaupt hat)…

in Tena unterwegs…

In den letzten Wochen hatte ich zudem ein unglaublich positives Körpergefühl. Im Regenwald mit nur den paar Sachen, die ich aus Deutschland mitgenommen habe, gibt es bei mir im Moment sowieso keine krassen Outfits, aber das ist okay so. Die meisten Menschen laufen hier eher entspannt rum. Es tut unglaublich gut, dass ich ausnahmsweise mal nicht immer die Kleinste von allen, sondern totaler Durchschnitt von der Größe bin. Täglich begegnen mir sogar Leute, die noch kleiner sind. Und auch vom Gewicht fühle ich mich hier sehr viel normaler – mein Eindruck bisher ist, dass Kurven hier eher als attraktiv gelten als super dünn zu sein. Auf den Straßen sehe ich viele Menschen, die irgendwie in der Mitte sind – weder extrem schlank, noch extrem dick. Und das tut gut, den ich finde, so sollte es sein. Warum ist in Deutschland der Druck auf junge Frauen so allgegenwärtig, in ein bestimmtes Schönheitsideal hineinzupassen?

Ein weiteres Highlight ist die Zeit, die ich hier mit anderen Menschen verbringe. Abends machen wir im Pakashka Sacha manchmal Lagerfeuer oder spielen Spiele. Auch wenn ich immer noch mehr tiefe Gespräche führen könnte, haben sich dennoch einige schöne ergeben, die mir viel Spaß gemacht haben. Manchen Studierenden bringe ich zudem ein bisschen Deutsch bei, was echt lustig ist (Ich wusste nicht, dass „achtzehn“ und „schwarz“ so schwer auszusprechen ist…). An einem Abend sind wir zu dritt tanzen gegangen, was echt cool war, auch wenn ich Salsa, Bachata und die anderen Tänze hier noch nicht ganz verstehe… Mit Mara verbringe ich auch viel Zeit, wir reden über alles und tauschen uns aus. Letzte Woche habe ich sie zum Tattoo Stechen begleitet und ihre Hand gehalten. Ich genieße es sehr, jemanden zu haben, die in der gleichen Situation steckt, auch ein riesiges Chaos im Leben hat und mit der ich diese Erfahrungen hier teilen und gemeinsam erleben kann.

In Puka Urku bin ich immer wieder beeindruckt von der Gastfreundschaft der Menschen. Alle sind super lieb und jedes Mal schenkt mir die Familie des Chefs irgendetwas – Kochbananen, Papayas oder andere Früchte. Auch die Kinder sind super süß und anhänglich, sie reißen sich darum, meine Hand halten zu können und haben mir Blumen gepflückt. Es macht mich total dankbar, wie hilfsbereit die Leute sind und wie sie mir immer wieder beistehen. Vorgestern habe ich aus Versehen ein halbes Großfamilientreffen ausgelöst, weil ich Hilfe brauchte beim Gas Anschließen, es Probleme gab und die ganze Familie versucht hat mir zu helfen. Aber auch generell habe ich das Gefühl, dass die Menschen in Ecuador im Schnitt freundlicher sind. Überall auf der Straße grüßen sich Leute, wenn du in einen Laden gehst und die das, was du suchst, nicht haben, empfehlen sie „die Konkurrenz“ weiter und wenn du nach deinem Bus rennen musst, kannst du sicher sein, dass er anhalten und auf dich warten wird.

Ein weiteres Highlight ist der Tee, der aus der lokalen Guayusa Pflanze gewonnen wird und aufgrund verschiedenster Inhaltsstoffe trotz hohem Koffeingehalt sehr gesund ist. Guayusa schmeckt ein bisschen wie Schwarztee oder Mate, ist jedoch nicht bitter und mit Zucker echt lecker. Von der Indigenen Bevölkerung wird und wurde der Tee für alle möglichen Rituale genutzt und z.B. vor der Jagd getrunken, weil die Pflanze wach und konzentriert macht. Im Pakashka Sacha ist der Tee beliebt, um sich beim (späten) Lernen besser konzentrieren oder die ganze Nacht durchfeiern zu können…

Guayusa 🙂
Bin jetzt auch in die Produktion eingestiegen 😉 Trockne einige Guayusa Blätter in Puca Urku

Ein weiterer Aspekt meines Lebens hier, den ich einfach nur liebe, ist die Musik. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel (verschiedene) Musik gehört. Egal ob jemand in der Küche Salsa anmacht, alte ecuadorianische Balladen, Spanischer Rap, Pop, Indie, meine und Maras deutsche Musik, die auch wieder alle Stimmungen und Genre umfasst, englische Lieder usw…. Mein ganzer Alltag ist von Klängen auf verschiedensten Sprachen erfüllt und ich entdecke viele neue Lieder. Was ich total genieße, ist, dass ich wirklich allen möglichen Deutsch-Rap beim Putzen laufen lassen kann, den ich will – und niemand kann sich beschweren, dass die Texte zu politisch, queerfeministisch etc. sind, da sowieso niemand versteht, worüber gesungen wird. Es tut mir total gut, neben Spanischer vor allem Deutsche Musik zu hören – Spanisch ist jeden Tag in meinen Ohren, da ist es angenehm, auch mal wieder was so richtig zu verstehen zu können. Ich entdecke jedoch auch spanische Musik und lokale Künstler*innen für mich.

ein entspannterer Song von einer ecuadorianischen Gruppe, den wir oft hören
ein älterer spanischer gesellschaftskritischer Rocksong, den ich irgendwie sehr mag… hat mir einer der Studenten empfohlen, was besonders ist, da die Mehrheit der Leute, denen ich bis jetzt begegnet bin, sehr wenig politisches Interesse gezeigt hat
deutsches Lied, dass ich für mich entdeckt habe

Last, but not least, ist auch das Essen immer wieder ein Highlight. Ich vermisse ein paar Sachen aus Deutschland (Brot, passierte Tomaten, guten Käse und alle möglichen Milchprodukte (saure Sahne, Quark, …)), aber insgesamt ist das Essen hier echt lecker. Meine neuen Lieblingssnacks sind Chips aus Kochbananen und geröstete Erdnüsse. Die Chips habe ich auch schon ein paar mal selber gemacht 🙂

Mangos waren bis jetzt enttäuschend (irgendwie habe ich immer nur überreife abbekommen), aber ansonsten ist das Obst hier echt gut. Ich liebe die immer perfekt reife Ananas, die vielen Maracujas und vor allem das Fruchtfleisch der Kakaopflanze. Ein paar mal habe ich mir schon eine ganze Avocado nur für mich gegönnt und Guacamole pur gelöffelt… Aber auch die Studierenden können zum Großteil echt gut kochen und ich freue mich immer wieder wenn die Essensglocke läutet 😉

Wie geröstete Mandeln, nur mit Erdnüssen
Kochbananenchips

(Realitätscheck, Sprung ins warme Wasser, …)

Die Veränderung kam
So abrupt
Dass ich sie kaum merkte

Von heute auf morgen
Neuer Alltag
Neue Sprache
Neuer Name
Neue Persönlichkeit
-und doch fühlt sich alles normal an

Mein altes Ich erkennt mich nicht mehr
Aber ich fühle mich authentischer als je zuvor

Einmal das Leben wechseln,
Der Sprung ins kalte Wasser
Um zu merken, dass es angenehm warm ist
(Fast tropisch)

All die Bibliotheken in meinem Kopf
Auf einmal nutzlos
Fange bei den Basics an:
Machete schleifen
Huhn ausnehmen
Zitronengras pflücken und Tee draus machen
Bussystem verstehen
Smalltalk führen
(Simply living)

Du kannst nicht overthinken,
Wenn du die andere Person eh nicht checken wirst
Du kannst nicht zu schüchtern sein,
Weil wenn du nicht fragst, bekommst du nie, was du brauchst
Du kannst nicht peinlich berührt sein,
Denn bei der Anzahl der Fettnäpfchen, in die du trittst, verlierst du den Überblick
Du könntest dich zurückziehen,
Aber dann wärst du allein
So richtig
Allein

Habe vergessen,
Wie man integriert
Zwölf Jahre Schule zerbröckeln zu Staub
All meine Pläne und Listen verpuffen
Lebe nur von Tag zu Tag,
Woche für Woche
frei -
Und doch gebunden
Neuer Alltag, neue Regeln
Routinen schleifen sich ein
Und langsam realisiere ich:
Es gibt auch ein Morgen
Das ist kein Traum
Der bald verfliegt
Das hier ist echt
Und diese fremde Person,
Die ich hier bin,
Das bin ich

Challenges

Eine große, aber bestandene Challenge war vor ca. 2 Wochen. Samstags bin ich so gegen 7:30 Uhr mit der Nachricht meiner Mentorin aufgewacht, dass eine Freiwillige aus einem andern Projekt, die gerade in Tena Urlaub macht, heute Morgen mit Übelkeit und Kreislaufproblemen aufgestanden ist und niemand gerade in der Stadt ist, der ihr helfen kann. Deshalb war die Frage an mich, ob ich sie vom Hostel abhole und zum Arzt begleite… Hab ich dann auch gemacht (hat mich insgesamt den ganzen Vormittag gekostet, was ohne richtiges Frühstück schon ein bisschen hart war) und dabei das Krankenhaus kennengelernt, zu dem ich auch gehen muss, falls mal was ist. Die Kommunikation mit unserem kleinem Niveau an spanischen Gesundheitsvokabular war etwas schwierig, aber irgendwie haben wir es geschafft… Unter anderem hat die Ärztin auch Blut- und Urinproben gemacht, um ausschließen zu können, dass es sich um Dengue handelt (war es zum Glück nicht). Der Armen ging es richtig schlecht und ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, als ich sie mittags dann wieder allein im Hostel lassen musste…

Im Wartezimmer…

Was mich wirklich herausfordert sind die ständigen Stromausfälle seit zwei Wochen. Grund dafür ist die Wasserknappheit in Ecuador, da somit weniger Strom mit Wasserkraft gewonnen werden kann (mehr dazu erfahrt ihr hier). Dadurch fühle ich mich manchmal ein bisschen abgeschnitten und kann, wenn ich gerade Freizeit habe, nicht mit Freund*innen oder nach Hause kommunizieren, genauso wenig wie alles andere machen, wofür man Internet braucht (Nachrichten schauen, Blog schreiben, Duolingo und Babbel üben, Spanische Wörter schnell nachschlagen, Warmwasser im Haus anstellen …). In Puca Urku ist der Empfang von mobilen Daten besser, dafür ist es abends mit nur Kerzenschein allein im Haus recht abenteuerlich. Zwischenzeitlich hatte ich sogar kein Leitungswasser und musste immer erst mit dem Eimer in der Nähe vom Haus welches holen gehen. Langsam gewöhne ich mich daran, aber leicht ist mir das nicht gefallen. Vor allem, weil die ersten drei Wochen alles so gut funktioniert hat, dass ich mich an diesen Luxus gewöhnt habe. Im Pakashka Sacha kann ich sogar über eine Haus-App das Warmwasser anstellen (finde ich immer noch krass) und das WLAN ist normalerweise (wenn Strom da ist, haha…) auch sehr gut.

Mit dem Klima und den Insekten komme ich besser klar, als erwartet. Trotzdem nerven die vielen Mücken- und Sandfliegenstiche (Insektenspray mehrmals am Tag hilft nur bedingt) und an manchen Tagen ist es schon irre heiß. Nachts kühlt es in der Regel ziemlich stark ab, sodass ich morgens sogar manchmal meine Strickjacke brauche. Gefährliche Tiere sind mir bisher noch nicht begegnet, aber ich konnte schon ein paar interessante Insekten und Frösche finden (einmal sogar eine Fledermaus). Ein Problem war das bisher aber nie. Nur einmal ist beim Kochen aus dem Nichts ein Frosch gegen den heißen Topf gesprungen und durch die Hitze gestorben. Der Arme…

Es ist kein riesiges Problem, aber dennoch immer wieder eine Challenge: Spanisch. In den letzten Wochen habe ich unfassbar viel dazu gelernt und vor allem meine Scheu, einfach los zu reden, komplett abgelegt. Dennoch war es in den ersten Tagen auch etwas isolierend, wenn ich z.B. nicht verstehen konnte, was gerade am Tisch geredet wird. Es kostet viel Energie, immer und immer wieder nachzufragen, die Wörter zu wiederholen und vor allem nicht aufzugeben, wenn man schon wieder diese eine Vokabel vergessen hat (Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich die Vokabeln „Schatten“, „Geschmack“, „riechen“ und „nass“ die letzten Wochen gelernt und wieder verloren habe…). Langsam wird es jedoch besser und ich fange sogar an, lokale Wörter und Redewendungen zu verstehen und teilweise zu übernehmen. In der Schule habe ich das spanische Spanisch gelernt, hier brauche ich das lateinamerikanische Spanisch, in dem es viele andere Worte für die gleiche Sache gibt. Dazu kommen Ausdrücke, die nur in Ecuador oder sogar nur in dieser Region existieren und der Slang, den einige der Studierenden benutzen und der viele Synonyme für „Kumpel“ sowie einige Flüche beinhaltet… 😉

Gerade am Anfang war es für mich durch die Sprachbarriere zudem schwierig, tiefe Gespräche zu führen. Deep Talk ist mir sehr wichtig, da er irgendwie zu meinem mentalen Wohlbefinden beiträgt. Ich blühe selten so auf, wie wenn ich in eine angeregte Diskussion vertieft bin und nicht bemerke, wie die Zeit vergeht. Mittlerweile konnte ich in einem der Studierenden und in Mara gute Gesprächspartner*innen finden und natürlich kann ich auch immer mit Freundinnen telefonieren. Es haben sich schon einige gute Gespräche ergeben, was mich sehr glücklich macht. Dennoch muss ich manchmal nach diesen Gelegenheiten sehr aktiv suchen. Der Eindruck, dass die Mehrheit der Menschen hier nicht sehr politisch interessiert ist und eher selten über Gott und die Welt philosophiert, hält sich leider bis jetzt. Dennoch gibt es natürlich Ausnahmen. Und manchmal muss man einfach ein bisschen länger bei einer Person nachbohren oder Themen einfach wie selbstverständlich ansprechen, um doch noch interessante Perspektiven zu hören…

(Versetzt, Deep Talk, geghosted, …)

Komplett lost
Warte und warte
Chat Verlauf neu laden
-keine Nachricht-
Meine Erwartungen zerbröckeln
Genauso wie mein Stolz
Ein kleines Häufchen
Ist was bleibt

Brauche dich
Brauche ihn
Brauche sie
Brauche euch
Denn ohne Deep Talk fühle ich mich leer
Gespräche und Diskussionen:
Meine Luft zum Atmen,
Denn immer nur performen
Ist anstrengend

Habe gedacht,
Du wirst antworten,
Habe gedacht,
Er wird dazukommen,
Habe gedacht,
Sie wird zurückrufen,
Habe gehofft
Ihr lasst mich nicht allein
Mit meinen Gedanken
Aber jetzt werde ich sie wohl niederschreiben

Jede angeregte Unterhaltung
Ein Geschenk
Vermisse es
Vermisse euch
Einfach los reden
(Keine Sprachbarrieren)
Entspannen
Treiben lassen
Bis in die Nacht
Gedanken tauschen
Ankommen
weg sein
lebendig fühlen
-ich-
Die Sonnenuntergänge hier sind immer wieder schön, man muss die Fotos nicht mal bearbeiten, damit sie so aussehen…

Die größte Überraschung

Tatsächlich hat die größte Überraschung für mich nichts mit der fremden Kultur, dem neuen Alltag oder der Natur hier zu tun, bzw. nur indirekt. Die größte Überraschung bin ich selbst. Ab dem ersten Tag hier kommen neue Facetten meines Charakters hervor, ich hätte nie gedacht, wie schnell und wie stark ich mich verändern würde (oder vllt hat all das schon ewig in mir geschummert?). Wenn ich versuche mich von Außen zu betrachten, bekomme ich fast den Eindruck, Hannah und Amanda (ich nenne mich hier mit meinem Zweitnamen, weil der leichter auszusprechen ist) sind zwei verschiedene Persönlichkeiten, obwohl ich mich immer noch wie ich selbst anfühle. Ich bin extrovertiert, rede mit fremden Menschen, probiere Dinge aus, von denen ich dachte, sie könnten mir nie gefallen, ich habe mein Schamgefühl abgelegt – egal ob es darum geht, auf einer fremden Sprache trotz Wortlücken und Grammatikfehlern einfach loszureden, zu fragen, wenn man Hilfe braucht/ was nicht versteht oder kein Thema als Tabu zu verstehen. Ich habe schon spanische Gespräche über Brillenoptik, die NS-Zeit, Weihnachtstraditionen, toxische Männlichkeit, Schlafprobleme, gendersensible Sprache, Religion, Verhütung und Abtreibung, Klimawandel, Korruption, Indigene Kultur(Verluste), Kräuterbeete und anderes geführt. Dafür braucht es viel Zeit, Geduld und einen online Übersetzer, aber irgendwie geht es, wenn man sich traut. Und ich traue mich.

Ich habe das Gefühl, alle Sorgen und Bedenken vor meiner Ausreise sind nicht mehr da. Ich fühle mich sicher hier (mein Tropenarzt sollte lieber nicht wissen, wie bedenkenlos ich hier Essen probiere und auch sonst viele der unmöglich umsetzbaren Tipps nicht mache…) und denke kaum an Morgen. Overthinking gibt es nicht, eigentlich lebe ich nur im Moment und ergreife jede Chance, die sich mir bietet, außer mein Bauchgefühl sagt nein. Und bis jetzt konnte ich dadurch echt schöne Momente aller Art genießen. Wenn ich Nähe brauche, suche ich sie mir, wenn mir jemand etwas anbietet, nehme ich es an, wenn ich Lust auf etwas habe, dann tue ich es einfach.

Ich glaube, ich habe unfassbar Glück mit meiner Einsatzstelle, die wirklich cool ist und sehr viel Abwechslung bietet. Ich profitiere total davon, dass ich immer abwechselnd eher mit Gleichaltrigen zusammen lebe oder halt alleine bin und Zeit für mich habe. Dadurch kann ich meine soziale Batterie gut aufladen und echt alles genießen, was so auf mich zukommt. Ich weiß wirklich nicht, was noch die nächsten Monate passieren wird, auf einmal scheint alles möglich zu sein.

jetzt & hier

Mein Leben
Nur noch im Moment
Tage verschwimmen - kein gestern, kein morgen
Ein paar Wochen ein Leben
Ein Leben ein Tag

Facetten verschwimmen
Werde zum Mond
Wandelbare Form
-alles fließt
Vergesse wer ich war
Und komme doch wieder zurück
Mit jedem Zyklus
Ein neues Ich
Lasse los und halte fest
Atem

Jetzt und hier
Der Morgen fern
Zeit umspült mich
Hoch und Tiefs…

Bis auf diesen Moment
Verschwimmt alles
Die Zukunft nicht da
Vergangenheit verblasst
Wer bin ich?
Ich schau mich an
Und weiß es nicht
(Nicht mehr)
-aber auf einmal ist es mir egal

Ausblick

Bis jetzt gefällt es mir echt gut in Ecuador und ich bin extrem froh, genau jetzt genau hier zu sein. Die im Vorbereitungsseminar „Vollkornbrotphase“ genannte Tiefzeit, in der wir Deutschland vermissen und es nicht so gut läuft, kam bei mir noch nicht. Auch Heimweh hatte ich bis jetzt erstaunlich wenig. Natürlich gibt es auch mal schlechte Tage und ich vermisse es z.B. Harfe spielen zu können, aber alles in allem bin ich hier sehr glücklich. Ich hoffe das bleibt so, aber irgendwann wird es wohl auch mal kippen und das ist okay. In diesen Momenten kann ich mich dann an all die schönen Erfahrungen erinnern, die ich bis jetzt schon sammeln durfte 🙂

Bis bald!

Hannah/ Amanda

Wasserknappheit und Stromausfälle

Während ich das hier schreibe haben wir mal wieder kein Strom und somit kein WLAN. Später werde ich den Text auf meine Website kopieren, wenn das Internet wieder funktioniert. Der erste Stromausfall war vor einer Woche und wurde relativ groß angekündigt. Mittlerweile ist es für mich fast normal, dass jeden Tag von so ca. 11 bis 17:15 Uhr keine Elektrizität da ist. Manchmal fehlt sogar abends das Licht. Woran liegt das? Die kurze Antwort: Zur Zeit regnet es wenig. Die lange Antwort: Die Klimakrise…

(Kleiner Hinweis noch vorweg: Ich berichte natürlich aus meiner Perspektive aus der Nähe von Tena. Tatsächlich sind die Stromausfälle und teilweise auch der Wassermangel sehr verschieden von Region zu Region. Wie schlimm die Auswirkungen wirklich sind ist sehr individuell, verschieden und hängt auch damit zusammen, wie sehr die Menschen von Internet/ Wasser/ Fischfang/ Landwirtschaft etc. etc. abhängig sind. Das hier ist also nur ein kleiner Einblick.)

Was hat der Regen mit Strom zu tun?

Durch Ecuadors Amazonasgebiet ziehen sich viele Flüsse und Nebenflüsse. Das ist einer der Gründe, weshalb in der Vergangenheit bei der Energiegewinnung vor allem auf Wasserkraft gesetzt wurde. Ca. 78% des Stroms des Landes wird durch die Flüsse gewonnen. Jährlich sind die Wasserpegel der Flüsse natürlichen Schwankungen ausgesetzt – je nach dem, ob gerade Regenzeit ist oder nicht. In den letzten Jahren verschoben sich diese jedoch immer wieder und die die Wettereignisse wurden extremer. Der ausfallende Regen führt zu niedrigen Wasserständen und Engpässen in der Energiegewinnung. Dieses Jahr ist es besonders schlimm – Ecuador kämpft gerade mit der schlimmsten Dürreperiode der letzten 60 Jahre. Besonders im Süden des Landes, wo sich der größte Wasserkraftskomplex Ecuadors befindet, ist es besonders trocken. Aber auch bei mir in der Nähe von Tena spüre ich die Auswirkungen. Laut der Regierung gibt es gerade ein Stromdefizit von ca. 1.100 Megawatt im Vergleich zur nationalen Nachfrage. Deswegen wird in vielen Regionen die Energieversorgung rationiert und der Strom abgestellt. Alle Menschen hoffen gerade auf Regen, aber die wenigen Schauer, die es die letzten Tage gab, reichen nicht, um das Problem zu lösen.

Warum regnet es so wenig?

Das das Amazonasgebiet langsam austrocknet sind keine Neuigkeiten. Expert*innen warnen davon schon lange, bereits letztes Jahr gab es in Brasilien eine große Dürre, während der viele Seitenarme des Amazonas ausgetrocknet sind. Einer der Gründe dafür ist die großflächige Abholzung von Waldgebieten. Der Wald und die Verdunstung des Wassers von den Blättern halten einen Wasserkreislauf am Leben, der für das feuchte Klima in der Region sorgt. Werden die Bäume im großen Stil abgeholzt, kippt das Gleichgewicht und der Wasserkreislauf wird gestört. In vielen lateinamerikanischen Ländern wurde die letzten Jahrzehnte viel Rodung vorgenommen, teilweise auch gegen den Willen der lokalen Bevölkerung, die unter der Abholzung leidet. Der Grund dafür sind vor allem Investoren und große Firmen aus dem globalen Norden, die Regierungen Landrechte abkaufen, um es für Tagebau, Weiden, Plantagen, Ölgewinnung oder anderes zu nutzen. Diese Ausbeutung der Natur bringt viel Geld ein, welches jedoch selten wie versprochen im jeweiligen Land bleibt, sondern einer kleiner Elite und den ausländischen Firmen gehört. Ein weiterer großer Einflussfaktor ist der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur. Durch den Klimawandel werden Extremwettereignisse immer häufiger – auch im Amazonasbecken. Die hohen Temperaturen führen zu mehr Verdunstung und Trockenheit, während es in anderen Gebieten zu starken Regen und Überschwemmungen kommt.1

Abgesehen vom globalem Trend der Erderwärmung spielen auch ungünstige Wetter- und Klimaphänomene wie z.B. el Niño2 eine Rolle bei den derzeitigen Dürren. Und natürlich ist Ecuador gerade generell in der trockenen Hälfte des Jahres, dem „Sommer“ (wobei von der Temperatur hier am Äquator für mein Verständnis immer Sommer ist – im „Winter“ regnet es dafür mehr und es ist ein wenig kühler).

Welche Auswirkungen hat die Wasserknappheit?

Neben den Problemen bei der Energiegewinnung hat das fehlende Wasser auch Auswirkungen auf die Natur. Grünflächen und Pflanzen vertrocknen, in vielen Flüssen sterben die Fische und Felder müssen auf einmal bewässert werden. Menschen, die vom Fischfang oder ihrem Anbau leben, wird damit ein Stück weit die Lebensgrundlage entzogen. Geringe Wasserstände machen zudem einige Seitenarme mit dem Boot nicht mehr befahrbar und schneiden manche Orte von den üblichen Versorgungswegen ab. In manchen Regionen Ecuadors wird das Leitungswasser rationiert und wenn es doch mal regnet, ist die Gefahr für Erdrutsche und Überschwemmungen höher, weil er trockene Boden das Wasser nicht aufnehmen kann…

Was bekomme ich von der Dürre mit?

Für mich sind die häufigen Stromausfälle am Einschneidendsten. Fehlendes Internet führt zu Abgeschiedenheit – ich brauche das WLAN, um Kontakt nach Hause zu haben, um Spanische Wörter suchen und übersetzen zu können, Englisch Unterricht vorzubereiten oder meine Zeit zu vertreiben. Dabei bin ich noch relativ gut dran – einige der Studierenden müssen deswegen fast die ganze Nacht durch lernen, weil sie dafür das Internet brauchen und auch alle anderen, die in ihrem Job auf Strom angewiesen sind haben dieses Problem. Die letzte Woche fehlte der Strom eigentlich nur tagsüber für einige Zeit, aber seid gestern gibt es auch abends eine Zeitspanne, in der wir wirklich im Dunkeln sitzen. Wie lange das noch so bleiben wird weiß ich nicht.

Seit einer reichlichen Woche haben wir in dem kleinen Haus in Puka Urku kein bis sehr wenig Leitungswasser. Es gibt eine andere Stelle, an der ich mir mit einem Eimer vorübergehend Wasser holen kann, aber eine Einschränkung ist es schon. Dieses Problem werden wir in einer Woche jedoch hoffentlich beheben können…

Ansonsten merke ich natürlich wie heiß und trocken die meisten Tage hier sind. Ich habe natürlich noch keinen Vergleich, wie es sonst oder in der Regenzeit ist, aber die Arbeit in der Sonne zur Mittagszeit ist eigentlich unmöglich. Tagsüber ballert die Sonne oft gewaltig und was man körperlich anstrengendes erledigen muss macht man am besten morgens. Einige Bäume verlieren ganz ordentlich Blätter und in der Stadt sind die wenigen Grünflächen sehr trocken. Auch bei den Flüssen und Badestellen höre ich immer mal wieder von den Studierenden, dass diese normalerweise mehr Wasser führen…

Der Kakaobaum ist schon zum Teil vertrocknet…

Wasserdruck war auch schon mal höher…

romantischer Abend allein ohne Licht

Fazit

Das ich hier oft ohne Internet sitze ist eine kleine, wirklich noch verkraftbare Auswirkung eines riesigen globalen Problems, dass sich immer weiter verschärft. Die Zunahme von Extremwetterereignissen ist global beobachtbar (auch in Deutschland kam es dieses Jahr z.B. wieder zu vielen Überschwemmungen) und wird zu einem neuen Normal. Die Folgen des Klimawandels sind hier in Ecuador direkt erlebbar und sehr beängstigend. Denn die Dürren im Amazonasregenwald entziehen nicht nur der lokalen Bevölkerung ihre Lebensgrundlage – der Regenwald ist Bestandteil globaler Kreisläufe und beeinflusst somit das Klima überall auf der Welt. Angesichts der Tatsache, dass historisch gesehen das meiste CO2 in Ländern des globalen Nordens ausgestoßen wurde, sehe ich eine große Verantwortung dieser Staaten (zu denen auch Deutschland gehört) den Klimaschutz weiter voranzutreiben und die Staaten, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben und am meisten unter ihm leiden mit Wissen, Geld und Ressourcen zu unterstützen. Meine Erfahrung hier vor Ort führt mir mal wieder die Dringlichkeit des Klimaschutzes vor Augen. Von Ecuador aus habe ich nicht das Gefühl, viel diesbezüglich tuen zu können, außer zuzuhören, beobachten, lernen und dieses Wissen weiterzugeben. Ich hoffe, das ist mir hiermit ein bisschen gelungen. Ansonsten bleibt mir erst einmal nichts übrig, als die stromfreien Stunden so gut wie möglich zu nutzen und mit den anderen zusammen auf vieeeel Regen zu hoffen…

  1. Auf der Website des Bundesamts für politische Bildung findet man dazu auch ganz gute Informationen, falls ihr noch mehr reinlesen wollt: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/523365/hitze-duerre-und-die-folgen/#node-content-title-4 ↩︎
  2. Falls ihr nicht mehr aus dem Geografieunterricht wisst, was es mit el Niño auf sich hat, hier eine kleine Erinnerung:
    https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/klima-el-nino-wetter-100.html
    ↩︎

Erste Tage in Puka Urku

Neben unserem Alltag im Pakaskha Sacha sind wir regelmäßig in der kleinen Communidad Puka Urku und helfen in der Grundschule mit. Dabei wechseln wir uns immer ab – gerade bin ich hier und vorletzte Woche habe ich auch schon im Dorf verbracht. Das Leben und die Aufgaben hier bringen noch einmal ganz andere Facetten in unseren Freiwilligendienst und ich bin echt begeistert, wie vielseitig unser Projekt insgesamt ist. Während sich das Pakashka Sacha für mich mittlerweile schon fast wie Zuhause anfühlt, fordert mich das Leben in Puka Urku mehr heraus. Bis jetzt habe ich hier sowohl echte Höhepunkte, aber auch schwierige Momente erlebt. Da wir nur innerhalb der Woche (Mo. – Fr.) und das auch nur abwechselnd da sind, habe ich hier insgesamt auch noch nicht so viel Zeit verbracht und bin immer noch in der Eingewöhnungsphase. Deswegen kann ich in diesen Beitrag auch erst mal nur einen groben Einblick geben, da ich die Menschen und meine Arbeit in der Grundschule natürlich erst oberflächlich kennenlernen konnte.

Willkommen in Puca Urku

Anreise

Normalerweise nehmen wir einen ein bis zweistündigen Bus von Tena aus und kommen dann Montag früh an. Freitag Mittag geht es dann zurück. Die Challenge ist es, im richtigen Moment dem Busfahrer zu signalisieren, dass man aussteigen will, da er sonst am Dorf einfach vorbeifährt. Theoretisch kann man aber auch ab Misahualli mit einem motorbetriebenen Kanu fahren. Dadurch spart man sich einiges an Zeit. Diese Woche sind die Lehrerin und ich so zurück gekommen…

mit dem Bus unterwegs
Auf dem Rückweg mit dem Kanu 🙂
Mein fetter Rucksack – ich muss jedes Mal auch Bettlaken, Handtuch, Essen für eine Woche usw mitbringen und meinen Müll wieder zurück nehmen

Das Freiwilligenhaus

Während der Arbeitswoche, die wir hier sind, leben wir in einem eigenen Haus, dass einfach von ehemaligen Freiwilligen gemeinsam mit den Menschen aus dem Dorf gebaut wurde. Die Lage ist echt absolut traumhaft mit Blick auf den Fluss. Jeden Abend/ Spätnachmittag um ca. 6:15 kann ich vom Balkon aus den Sonnenuntergang über dem Wasser beobachten. Ich habe ein kleines Bad, eine Küchenzelle mit mobilem Gasherd und ein Raum mit Bett und einem Schrank.

Das Haus für die Freiwilligen 🙂

Sonntags, bevor ich am Montag mit dem Bus hier her fahre, decke ich mich mit Lebensmitteln für die Woche ein. Außerdem muss ich Bettlaken, Handtücher, Lappen und so was mitnehmen. An sich ist es super entspannt, nur für sich zu kochen, die erhöhte Schwierigkeit ist nur, dass es keinen Kühlschrank gibt und das Klima hier noch mal deutlich schwüler und heißer ist als in Tena (Puka Urku liegt tiefer…). Bis jetzt bewährt haben sich Reis, Nudeln und dazu frisches Gemüse. Tierische Produkte wie Milch habe ich nie mit, die würden wahrscheinlich verderben.

Unter dem Haus (es steht auf Stelzen) kann ich eine Hängematte befestigen und runter zum Fluss ist es nicht weit. Besonders begeistert bin ich von den Pflanzen auf dem Grundstück. Morgens mache ich mir oft Tee aus Zitronengras und direkt um das Haus herum wächst Kakao. Selbst traue ich mich nicht, die Früchte zu ernten (sie gehören den Eltern des Chefs in Pakashka Sacha), aber ich habe schon ein paar Mal mit dem Nachbarskind zusammen Kakaobohnen gelutscht (das Fruchtfleisch ist wirklich mega lecker). Mit dem gleichen Jungen habe ich am Ende der ersten Woche auch ein Feuer gemacht und darauf meine Reste in Bratäpfel und Ofenkartoffeln verwandelt.

Unten am Fluss

Die Grundschule

Die Grundschule
Die Grundschule

Am ersten Schultag sind Mara, unser Chef und ich zusammen hingefahren und haben die Schuleröffnung mitgemacht. Danach sind die beiden wieder zurück nach Tena und ich war die restliche Woche allein da. Unterricht haben wir noch nicht gehalten, da die Lehrerin noch Lehrpläne und Inhalte durchgehen und vorbereiten musste. Stattdessen haben wir in der Woche eigentlich nur gespielt. Ich hatte Stickgarn mit, aus dem wir Armbänder knüpfen und flechten konnten, was bei den Kindern echt gut ankam. Ansonsten haben wir alle möglichen Spiele gespielt – von Klassikern wie Fangen bis hin zu Schwungtuch oder ein Kreisspiel namens „agua de limon“. Interessant war auch das Spiel „El presidente“, bei dem der President der Communidad immer irgendetwas benötigt (z.B. einen Bleistift, eine Yuca-Wurzel, eine Orange, ein weißes T-Shirt, …) und die Kinder es in verschiedenen Gruppen so schnell wie möglich herholen müssen. Oft waren es Pflanzenteile, die ich weder kannte, noch gewusst hätte, wo sie zu finden sind…

Insgesamt sind so etwa neun bis dreizehn Kinder in der Schule, in der ersten Woche war das Erscheinen der Schüler*innen nicht sehr zuverlässig, ich weiß nicht, ob sich das noch ändert. Die Lehrerin hat immer ganz ordentlich zu tun, da die Wissensstände recht verschieden sind und die Kleinsten (eine ist nur drei Jahre alt…) beim Spielen beaufsichtigt werden müssen, während die Älteren (die Älteste ist zwölf Jahre alt, danach ist eine ziemlich große Lücke bis zu 6-7 Jahre) natürlich richtigen Unterricht benötigen. Ziel der Schule ist es, die Kinder in drei Sprachen zu unterrichten: Spanisch, Kichwa und Englisch. Der Englischunterricht ist unsere Aufgabe, während die Lehrerin neben den üblichen Fächern auch Kichwa Wörter mit den Schüler*innen übt (z.B. die Zahlen oder das Wetter).

Der Unterricht findet eigentlich nur in einem Klassenraum statt. An sich gibt es viel mehr Räume und Gebäude, aber die meisten werden kaum genutzt. In dem Lehrerzimmer gibt es einen Drucker, den wir für Arbeitsblätter nutzen können. Die Schule liegt wirklich direkt am Fluss und in der ersten Woche haben die Kinder super viel gebadet. Es gibt eine Schaukel, die über das Wasser schwingt und von der aus man hineinspringen kann und an einem Tag sind wir ein Stück weiter an einen Strand gelaufen und haben dort kleine Häuser aus Naturmaterialien gebaut. Fußball und Basketball habe ich auch schon mit den Kindern gespielt, die aus einem mir unerfindlichen Grund ständig rennen wollen (auch wenn die Sonne bei über 30° knallt)… Auf dem Grundstück steht außerdem ein Orangenbaum, an dem sich fleißig bedient wird (ich wusste davor nicht, dass Orangen ab einer bestimmten Größe auch grün gegessen werden können) und einige Kochbananenpflanzen. Ehrlich gesagt ist es schwer zu sagen, wo hier ein Grundstück anfängt und das nächste beginnt, da es kaum Zäune gibt. Deshalb ist es auch total normal, wenn auf dem Schulhof Hühner rumlaufen oder mal ein Hund vorbeischaut.

Der Schulweg in Zeitraffer 😉

In der Frühstückspause gibt es jeden Tag einen kleinen abgepackten Snack und eine Schulmilch/ Saft für jede*n. Das ganze wird vom Staat bezahlt und ist in ganz Ecuador so. Diese Woche haben wir zudem plátanos (Kochbananen) geerntet, da ich welche zu Chips verarbeiten wollte. Mir war nicht bewusst, dass die Lehrerin gleich die ganze Dolde runterholen würde. Deshalb haben wir am nächsten Tag einfach in der Schule bei einer Feuerstelle gekocht. Die zermatschten Kochbananen mit Ei schmecken besser, als sie aussehen 😉

Letzten Dienstag haben die Eltern der Kinder eine Minga (Gemeinschaftlicher Arbeitseinsatz) gemacht und das Schulgelände gesäubert. Danach gab es noch eine Art Elternabend, bei dem ich die Tagesordnung vorlesen sollte, aber sonst nicht viel verstanden habe, da ca. 80% des Gesprochenen auf Kichwa war. Irgendwie hat mich das Ganze dennoch stark an Deutschland erinnert, vor allem, als es um die Frage ging, wer sich bereit erklären würde, Elternsprecher*in zu sein… Später wurde ich einfach zur Sekretärin des Elternrates gewählt, wobei mir versichert wurde, dass ich nur ab und zu Sachen vorlesen oder mal was notieren muss. Insgesamt war es echt schön, die Eltern der Kinder auch mal zu sehen, auch wenn ich nicht wirklich viel verstehen konnte.

Meine Freizeit

Die Schule endet in der Regel mittags und danach habe ich Zeit für mich. Oft koche ich erst einmal Mittagessen und mache das Haus ein bisschen sauber. Ansonsten chille ich in der Hängematte, schreibe meine Blogartikel (auch der letzte ist hier entstanden), bereite den Englischunterricht vor oder spiele mit den Kindern. Es ist immer ein bisschen unvorhersehbar, ob jemand und wer kommt. In der ersten Woche waren mich öfter Schulkinder besuchen, die mein Haus sehen und mit mir spielen wollten. Der eine Nachbarsjunge, der gleichzeitig der Neffe des Chefs im Pakashka Sacha ist, kommt öfter vorbei. Wir waren schon viel schwimmen (er hat mir eine Stelle am Fluss gezeigt, wo ein Nebenfluss mündet und das Wasser wärmer ist), haben Boote gebaut und schwimmen lassen, gekocht, Kakao geerntet und gegessen und Papierflieger gebastelt. Manchmal helfe ich ihn auch mit seinen Hausaufgaben, er geht in eine Grundschule in der nächsten Stadt. Ich bin immer wieder überrascht, wie gut er klettern kann, er turnt auf dem Dach des Hauses rum oder klettert die Kakaobäume hoch als wäre nichts dabei.

Abends koche ich manchmal oder esse Reste des Mittags, lese ab und zu (bis her irgendwie fast gar nicht), schaue manchmal Film und gehe ansonsten recht zeitig schlafen. Da es schon so früh dunkel wird ist das gar nicht so schwer. Ich wüsste auch nicht, was ich allein noch viel länger machen sollte. 05:50 Uhr klingelt dann wieder der Wecker und ich mache mich für die Schule fertig.

mit dem Nachbarsjungen Papierflieger fliegen lassen 🙂

Challenges

Wie schon am Anfang erwähnt, fordert mich das Leben hier mehr heraus als im Pakashka Sacha. Die ersten zwei Nächte allein im Haus waren schon echt gruselig, vor allem, weil ich neben den normalen Dschungelgeräuschen auch immer wieder ein Knarzen auf dem Dach gehört habe. Mittlerweile weiß ich, dass das wahrscheinlich Mäuse und andere Tiere sind und höre zum Einschlafen einfach ein bisschen Musik.

Nach meiner ersten Nacht musste ich feststellen, dass unter dem Türspalt eine sehr kleine Maus durchgekommen ist und mein Gemüse angeknabbert hat. Seit dem teste ich verschiedene Sachen aus, um das zu verhindern. Bis her hat sich am besten bewährt, eine Decke unter den Spalt zu stopfen und das Gemüse hochzustellen und am besten in einen geschlossenen Topf zu tun.

Eine große Schwierigkeit für mich ist die Kommunikation. Im Pakashka Sacha verstehe ich so ca. 30-80% des gesprochenen Spanisch, hängt auch immer vom Thema ab und ob die Person langsam redet. Notfalls kann ich mir dort aber immer mit Englisch oder Übersetzungstools weiterhelfen und immer wieder nehmen sich die Studierenden die Zeit und führen trotz der vielen Nachfragen und Unterbrechungen lange Gespräche mit uns. In Puka Urku fühle ich mich so, als würde ich erst seit einer Woche Spanisch lernen. Ich verstehe fast gar nichts von dem, was mir gesagt wird. Das hat mehrere Gründe: Es beginnt bei einem leichten lokalen Dialekt und der Tatsache, dass in Ecuador für viele spanische Worte Synonyme existieren, die ich jedoch nicht kenne. Außerdem reden die Kinder ziemlich schnell, mega leise und nuscheln dazu. Die meiste Zeit stehe ich hilflos da und sage „No lo se.“ oder „Lo siento, no entendido.“. Aber nicht nur ich verstehe wenig, wenn ich mit meinem Schulspanisch ankomme, werde ich oft auch nur verwirrt angeschaut…

Worauf ich nicht eingestellt war, ist, wie klein die Kinder teilweise noch sind. Insgesamt macht es mir Spaß, mit ihnen zu arbeiten, sie sind sehr süß und lustig, aber manchmal ist es auch anstrengend, wenn alle gleichzeitig meine Aufmerksamkeit wollen. Zudem sind sie extrem touchy, wollen ständig meine Hand halten, umarmen mich, küssen mich und fassen mich an. Tabus gibt es da nicht so wirklich und daran muss ich mich auch erst gewöhnen. Ich weiß noch nicht, wie ich Grenzen am besten kommuniziere, da einerseits mein Spanisch nicht so gut ist und andererseits ich die Kinder auch nicht verletzen will. Zum Glück habe ich aber das Gefühl, dass das nach der ersten Woche ein bisschen abgenommen hat. Vielleicht ist es auch die Aufregung und Neugier gewesen, mich als fremde Person kennenzulernen.

Highlights

Ich genieße es sehr, auch mal ein paar Abende für mich und ein bisschen me-time zu haben. Das Haus und die Lage sind wunderschön und jeden Abend beobachte ich den Sonnenuntergang. Es ist unglaublich, was hier alles für leckere Pflanzen wachsen und Kakaofruchtfleisch ist ein neuer Lieblingssnack von mir. Morgens starte ich oft mit einer Tasse frischen Zitronentees in den Tag. Außerdem macht es auch sehr Spass, für mich zu kochen und etwas Leckeres zu zaubern.

Ein Sonnenuntergang in Zeitraffer – ist in echt noch schöner als auf dem Video

Ich genieße es auch sehr, nachmittags lange schwimmen zu gehen und Zeit mit dem Nachbarskind zu verbringen. Das Baden macht echt Spaß, ist aber auch ein bisschen gefährlich, weil die Strömung wirklich sehr stark ist. Die Menschen hier sind teilweise noch ein bisschen distanziert, aber sehr nett. Die Familie des Chefs hat mir schon mehrmals Früchte von ihrem Feld geschenkt – Kochbananen, normale Bananen und eine riesige Papaya. Teilweise wusste ich gar nicht, wie ich das alleine alles aufbrauchen soll und hab es in der Schule geteilt. Eines der Schulmädchen hat mich schon nach ein paar Tagen zu sich nach Hause zum Saft trinken eingeladen. Wir haben Orangen gepflückt, ausgequetscht und mit Wasser und Zucker vermischt getrunken. An einem anderen Tag haben mir die Kinder einen riesigen Blumenstrauß gepflückt, den ich mit nach Hause genommen habe.

Generell lebe ich in Puka Urku sehr von Moment zu Moment, offen für alles und ohne viel Ablenkung. Das ist ein ziemliches Gegenteil zu den stressigen Alltag, wie ich ihn aus Deutschland noch kenne. Auch in der Schule ist alles sehr entspannt – der Unterricht entsteht relativ spontan und mit den Schüler*innen gemeinsam. Wenn es dann irgendwann zu heiß ist, ist es auch kein Problem, die Kinder kurz in den Fluss springen zu lassen oder wenn ich als Freiwillige plátanos will, dann machen wir aus den Restlichen halt am nächsten Tag ein Essen. Wenn man sich auf diese Spontanität einlässt, ist sie echt super entspannend. Sehr viele Sachen, die zuhause zu voll dem großen Ding gemacht worden wären, werden hier ganz pragmatisch und gechillt gesehen. Wenn wir irgendwas mit den Schüler*innen machen wollen, dann tun wir es einfach, ohne dass es viel Aufwand dafür bräuchte, eine gute Zeit zu haben. In diesem Fall bewundere ich auch die Lehrerin, die jeden Morgen um fünf den Bus aus Tena hier her nimmt und echt keinen leichten Job hat. Trotzdem ist sie super nett und hat ihren Spaß mit den Kindern. Davon kann ich viel lernen.

Ausblick

Ich freue mich sehr, wenn ich wieder nach Puka Urku fahre, ein bisschen Zeit für mich habe und viel von den Kindern und ihren Familien lernen kann. Dennoch bin ich auch ganz dankbar für die etwas „entspanntere“ Zeit im Pakashka Sacha mit den Studierenden, wo ich eher was mit Gleichaltrigen machen kann und der Kulturschock nicht so groß ist. Ich glaube die Abwechslung ist ganz gut so. Nächste Woche bin ich erst einmal wieder im Studentenhaus und werde neben dem Putzen/Kochen Englischnachhilfe geben und am Mittwoch die Englischschule in Tena besuchen. Außerdem muss ich noch einige Stunden auf dem Grundstück abarbeiten, um mein Pensum bis Monatsende zu schaffen.

Bis bald 🙂

Hannah Amanda

Ausreise und erste Woche

Über den Ozean (Flug)

Am 25.08.2024 ging es um 01:30 Uhr nachts los. Meine Familie hat mich noch zum Flughafen in Frankfurt gebracht, wo ich dann auf ein paar weitere Freiwillige gestoßen bin, die auch nach Ecuador gehen. 7 Uhr saß ich dann komplett müde in meinem Flieger nach Amsterdam. Beim Aussteigen sind wir komplett random über Vincent Weiß gestolpert und einige der anderen haben sich als Fans entpuppt. Nach einer Stunde Aufenthalt ging dann der 12 Stunden Flug nach Quito los. Während der Zeit habe ich viel Musik gehört (danke an alle, die meine Flugplaylist erweitert haben :)), etwas gelesen, das Kreuzworträtsel gelöst, dass ich zum Abschied von Familie Turek bekommen habe, “Bohemian Rapsody” geschaut und gedöst. Das vegetarische Essen war erstaunlich gut und ich habe zum Glück einen Platz am Fenster reserviert, weshalb ich die atemberaubende Sicht auf die Wolken genießen konnte.

Ankunft in Ecuador und auf dem Weg nach Tena

In Quito wurden wir von unserer Mentorin abgeholt, haben unser Gepäck in einen Kleinbus verfrachtet und sind noch einmal vier Stunden nach Tena gefahren. Ich war extrem müde, aber auch total begeistert von der Landschaft, die sich von Hochgebirge immer mehr in Richtung Regenwald verändert hat. Immer wieder sind wir an wunderschönen Wasserfällen und Flüssen vorbeigekommen und haben aufgeregt aus dem Fenster gezeigt. Mir war bis dahin gar nicht so bewusst, dass auch im Regenwaldgebiet überall Hügel und Berge sind, irgendwie hatte ich es mir immer flach vorgestellt. Mara und ich waren die einzigen Freiwilligen, die noch in der selben Nacht zu ihrer Einsatzstelle gebracht wurden. Die anderen haben noch ein oder zwei Nächte in einem Hostel in Tena geschlafen, bis unsere Mentorin uns alle absetzen konnte. Spät abends sind wir dann komplett übermüdet im Pakashka Sacha angekommen und wurden von den Studierenden und den zwei Hunden begrüßt. Nach einer kurzen Namens Runde ging es dann auch sofort ins Bett.

Fahrt nach Tena/ Hostel der anderen/ Abendessen (Pan de Yuca)/ Ausblick aus meinem Fenster am Morgen

Wasserfälle am Straßenrand

Erster Tag

Im Pakashka Sacha wird immer um ca. 7 Uhr gefrühstückt, jede*r ist mal dran mit Vorbereiten. Am ersten morgen hat uns einer der Studenten gleich nach dem Essen mit nach Tena genommen. Gemeinsam waren wir erst im Supermarkt und dann auf dem Markt Essen einkaufen. Außerdem haben wir uns ecuadorianische SIM Karten besorgt und gleich im Laden aktivieren lassen. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass eine Fahrt mit den Bus nur 30 Cent kostet. Man gibt das Geld einfach direkt beim Einsteigen dem Fahrer. An das Bussystem hier muss ich mich noch ein bisschen gewöhnen, es ist sehr anders als ich es aus Deutschland kenne. Wenn wir nach Tena wollen, setzen wir uns vor dem Grundstück auf eine Bank und warten maximal eine Viertel Stunde am Straßenrand, bis der nächste Bus vorbeikommt. Da hier keine offizielle Haltestelle ist, winken wir ihn an uns heran und klettern schnell rein, bevor es weitergeht. In der Stadt gibt es Haltestellen, an denen der Bus immer hält, aber die haben keinen Namen. Deswegen muss man ziemlich genau wissen, wo man wann raus will und auch welchen Bus in welche Richtung man zurück nehmen muss. Auf dem Heimweg müssen wir im richtigen Moment aufstehen und laut “gracias” rufen, damit der Busfahrer anhält und uns rausschmeißt. Bisher musste ich das noch nie alleine finden, aber ich habe schon ein bisschen Respekt davor, falsch auszusteigen… So überfordernd das Ganze im ersten Moment auch ist, hat es doch seine Logik und Vorteile. Ich musste während der ersten Woche schon mehrmals nach einen Bus rennen, um ihn zu bekommen, und der Fahrer hat immer angehalten und gewartet. Aus Deutschland kenne ich das anders… Außerdem kann man echt überall auf der Strecke rausgelassen werden und muss nicht ewig zur nächsten Haltestelle laufen, was echt bequem ist.

Nachdem wir die Einkäufe nach oben geschleppt und Mittag gegessen haben, wurden wir durch das ganze Haus geführt und in alles eingewiesen. Mit meinem Spanisch komme ich so halbwegs zurecht, ich verstehe aber bei weitem nicht alles. Einige der Infos werde ich auf jeden Fall falsch machen, weil ich sie noch nicht verstanden habe, aber so ist es halt. Mara und ich haben jeweils ein eigenes Zimmer, wobei meines offiziell das Gästezimmer ist. Wenn also Besuch kommt, muss ich für die Zeit zu ihr ziehen. Das Haus ist echt mega schön, überall gibt es Schiebeladen aus Bambus vor den Fenstern und der Blick geht direkt auf den Wald. Auf dem Innenhof ist sogar eine kleine Hütte mit Feuerstelle und zwei Hängematten, die wir schon viel benutzt haben.

In der ersten Woche haben wir noch keine eigenen Aufgaben bekommen, sondern wurden verschiedenen Studierenden zugewiesen, damit wir ihnen beim Putzen und kochen helfen. Die Gemeinschaftseinsätze (Mingas) und der Englischunterricht beginnen erst in der Woche danach. Trotzdem war das mit Putzen am ersten Tag ein kleiner Schock für mich. Noch nie in meinem Leben habe ich beim Routine Putzen dermaßen gründlich sauber gemacht – und das passiert hier drei mal die Woche (wobei am Mittwoch nur grob (= wie ich es normalerweise mache) sauber gemacht wird…). Ich habe unter anderm die Küche mit gemacht, was bedeutet alle Wände mit einem Besen von eventuellen Spinnweben befreien, alle (!) Schränke und Kisten komplett ausräumen, auswischen und wieder einräumen, auf den Schränken abwischen, alles Bewegliche (auch Herd und Kühlschrank) verrücken und darunter fegen, alle Oberflächen mehrmals abwischen und danach überall den Boden wischen.

Am ersten Tag kam mir das ein bisschen übertrieben vor, aber mittlerweile sehe ich den Sinn dahinter. Dadurch, dass das Haus komplett offen ist, kommt auch allerhand Dreck und Insekten herein. Ohne dem häufigen und gründlichem Putzen wäre es hier wahrscheinlich ziemlich schnell unhygienisch und Tiere würden sich einnisten. Von daher lieber ein bisschen zu viel als zu wenig sauber machen…

Abends haben wir dann noch unsere Verträge fertig gemacht und Spiele gespielt. Besonders beliebt im Pakashka Sacha ist Rommee Cup und Domino (wobei zweiteres viel komplizierter ist, als ich es dachte…). Die Studenten sind echt super nett und unterhalten sich trotz unserem mäßigem Spanisch gern und oft mit uns. Wir verstehen nicht alles, aber immer mehr, und immer wieder gibt es echt witzige Verwechslungen und Wortfehler. Meine Sorge, mich erst einmal komplett fremd und allein zu fühlen, war total unberechtigt. Auch wenn der anstrengende Teil der Arbeit erst nächste Woche anfängt, fühlt sich jetzt schon alles vertraut und fast ein bisschen wie Zuhause an. Am Ende des ersten Tages war ich extrem müde, bin einfach nur ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen.

Hier wohne ich 🙂

Das Pakashka Sacha
mein Zimmer 🙂

Highlights der ersten Woche

1. Highlight Nummer eins ist und bleibt die Natur hier. Alle Pflanzen, die ich als Zimmerpflanze kenne, wachsen hier einfach in riesig. Im Garten gibt es Kochbananen (plátanos), Zitronengras, Ananas Pflanzen, so eine Art Palme mit mindestens 3 m langen Blättern und jede Menge andere Sachen, die ich nicht kenne. In der Ferne habe ich schon Papageien fliegen sehen, Tucane gehört und allerhand interessante Insekten entdeckt. Einer der älteren Studenten hat Tourismus studiert und kennt sich mit den Pflanzen vor Ort richtig gut aus. Er hat uns schon viel gezeigt – z.B. eine Fruchtschale, die aussieht wie ein Seeigel und mit der man das Haar bürsten kann, ein Baum mit Luftwurzeln, der sich mit diesen ganz langsam in eine Richtung „läuft“, in dem er immer wieder neue wachsen und die alten absterben lässt (macht so ca. 20 cm Bewegung im Jahr), ein Blatt, dass auf der Haut einen Abdruck wie ei temporäres Tattoo hinterlässt oder ein Stamm mit ganz vielen Stacheln, mit dem man theoretisch Kartoffeln oder anderes Gemüse reiben kann. Eine kleine Mutprobe war es, mini Ameisen zu probieren, die beim Zerbeißen angeblich zitronig schmecken sollen, für mich aber einfach nur salzig waren. Mein neues Lieblingsgetränk am Morgen ist Tee aus frisch gepflücktem Zitronengras aus dem Garten.

2. Der selbe Student hat uns durch das Waldgebiet auf dem Grundstück geführt. Es gibt einen “Wanderweg”, wobei es sich an vielen Stellen eher um einen sehr steilen und sehr rutschigen Trampelpfad handelt, der an Abhängen hoch und runter führt. Auf dem einen Berg hat man eine wunderschöne Aussicht über den Wald und sieht in der Ferne sogar Tena. An einem anderen Tag sind wir noch tiefer in den Regenwald rein zu einer Art Grotte mit mini Wasserfall, in der wir einfach baden konnten. Das Wasser war eiskalt, aber mega erfrischend. Der Ort ist wirklich ein kleines Paradies und sehr schwer zu erreichen. An einem anderen Tag sind wir zu einem kleinen Fluss in der Nähe gegangen, der als Badestelle bekannt ist. Es hat echt Spass gemacht, gemeinsam mit den Studierenden Schwimmen zu gehen.

Aussichtspunkt auf dem Grundstück

3. Das Essen und Trinken hier ist einfach mega lecker. Es gibt viel frisches Obst, aus dem wir auch selber Saft machen (es heißt hier zwar “jugo” = Saft, ist aber eher Limo ohne Sprudel. Die pürierte Frucht wird mit viel Wasser verdünnt und mit Zucker zugesetzt…). Oft gibt es Reis mit Gemüse, Saucen, Fleisch (das ich allerdings weglasse) und fast immer Ei. Immer wieder werden Sachen aus meiner Sicht richtig random kombiniert, sind aber extrem lecker. Die Kombi aus mehreren sättigenden Beilagen (z.B. Reis und Kartoffeln, etwa selbstgemachte Pommes) sind hier so normal wie das Spiegelei zu jedem Essen. Einmal haben wir eine extrem leckere Suppe gegessen und einfach frisches Popcorn wie Croutons darüber gestreut. Einer meiner neuen Lieblingssnacks sind Chips aus Kochbananen (wirklich mega lecker) und Eis mit Käse drauf schmeckt wieder erwarten auch richtig gut.

Downlights der ersten Woche:

1. Jeden Morgen früh aufstehen, auch wenn wir am Abend davor noch ewig gespielt und gequatscht haben… Dazu die Hitze tagsüber (am Morgen ist es dafür echt kalt) und ich bin den ganzen Tag müde.

2. Das Brot hier ist so eine Art süßes Toast und gar nicht mal so gut, aber nichts kommt an den normalen Standart Käse ran, der ist wirklich einfach seltsam vom Geschmack. Nur auf dem Eis war irgendwie anderer, viel milderer, muss mal schauen, ob ich solchen irgendwo auch so aufgetrieben bekomme.

3. Das Putzen ist schon ein bisschen nervig und vor allem echt anstrengend wenn man es tagsüber in der Wärme macht.

Die (bisher) nützlichsten Sachen, die ich eingepackt habe:

  • Bauchtasche
  • Naturschnur (als Wäscheleine, um Fotos aufzuhängen oder ein Mobile zu basteln :))
  • Plastiklatschen
  • Stickgarn zum Armbänder knüpfen – super Beschäftigung und Eisbrecher (auch wenn das Erklären, wie es geht, mit meinem Spanisch immer auf Schwierigkeiten stößt…)
  • altes Ersatz Handy (für unterwegs)

Die (bisher) unnötigsten Sachen, die ich eingepackt habe:

  • ein bisschen Makeup
  • Regenjacke
  • Regenschirm
  • e-Book- Reader (bin leider noch nicht wirklich zum Lesen gekommen)
  • Sandalen (liegt aber an den Schuhen selbst, die sind kompletter Schrott und nach einmal hier Tragen kaputt gegangen)

Die (bisher) größte gemeisterte Challenge:

Am Samstag sind Mara und ich allein nach Tena gefahren, ohne zu wissen, wo wir aussteigen müssen. Irgendwie haben wir uns dann durchgeschlagen, bis wir den Laden gefunden hatten, in dem man Spiegel reparieren konnte. Mit neuer Scheibe im Rahmen sind wir dann weitergezogen, haben irgendwie in einer Apotheke unser SIM Guthaben aufgeladen, Besorgungen gemacht, einen wunderschönen Laden entdeckt (in dem ich sogar Holzperlen für mein Mobile kaufen konnte – da war ich echt restlos glücklich, hätte nicht gedacht, dass ich sowas finde), in einem der „Ropa Americana“-Läden gestöbert (so eine Art Second Hand Laden mit Kleidung aus den US, gibt es echt überall), Bananenchips und Eis mit Käse gegessen, Geld abgehoben und nach einmal wieder aus einem Bus steigen, weil er doch der Falsche war, irgendwie zurück gefunden. Das alles auf Spanisch und ohne Haltestellenbezeichnungen, da war ich schon stolz auf uns.

In Tena unterwegs
der bisher mit Abstand schönste Laden in Tena 🙂
Meine Einkäufe… 😉
Oft genutzte/ neue Wörter:

Lappen - trapo
Geld abheben - retirar dinero
Topf - olla
Knoblauch - ajo
Haferflocken - harina de avena
Ameise - horminga
Witz - broma
finden - encuantrar
oben - arriba
segeln - velar
Kochbanane - plátanao

Ausblick

Meine erste Woche war echt voller neuer Eindrücke und sehr schön. Ich habe viel gelernt, mich irgendwie mit Spanisch durchgeschlagen und eine echt schöne Zeit gehabt. Es ist krass, wie wohl ich mich hier schon fühle und wie gut wir uns mit den Studierenden bisher verstehen. Am Sonntag sind wir mit unserem Chef nach Purca Urku gefahren, wo ich die folgende Woche für fünf Tage leben und in der Grundschule mitmachen werde. Über die Erfahrung berichte ich ein anderes Mal.

¡Hasta luego!